Aus alt mach neu

Wie die Zeit doch vergeht… Mehr oder weniger zufällig, bin ich gestern auf den Blog gestoßen, den ich mal zusammen mit der Liebsten geführt habe. Ein Beziehungsratgeber, weil wir uns beide schon damals als wahre Beziehungskenner erwiesen haben. Oder zumindest so getan, denn unsere Trennungsbilanz spricht eine andere Sprache. Aber es hat uns viel Spaß gemacht, die verschiedenen Themen aus männlicher sowie weiblicher Sicht zu erörtern. Beide Seiten zusammen sollten ein Verständnis oder besser, einen Einblick in die Gedankenwelt der zwischenmenschlichen Beziehung bieten. Hat auch geklappt, und deswegen kam bei mir die Frage auf, ob wir das nicht fortsetzen sollten.

Ein wenig wirkte das ganze wie ein Blick in die Kristallkugel, in der sich lediglich die Vergangenheit abzeichnet. Ich sah mein 4 Jahre jüngeres Ich, unmotiviert und trotzig, vor dem Bildschirm sitzen und sinnloses Gewäsch tippend. Die richtigen Argumente oder Gründe hatte er zwar im Kopf, aber sie wollten ihm nicht über die Finger rollen. Auch nicht, weil das ja ein Eingeständnis bedeutet hätte. Zur damaligen Zeit, konnte er nicht gut einstecken, weshalb jedes Zugeständnis mit einer subtilen Beleidigung, einem Seitenhieb oder einer Spitze versehen wurde, alleinig um anderen zu schaden. Die Holzhammer-Methode, wenn man so will. Nicht meine beste Handlung, dass muss ich zugeben.

Bedenkt man dann noch die Situation innerhalb der Beziehung, die wir zu dieser Zeit führten, dann ist ein solcher Blog beinahe eine Farce. Denn obwohl auf den ersten Blick alles glücklich und harmonisch wirkte, brodelten unzählige Konflikte unter der Oberfläche, die stets auf den Moment zum Ausbruch warteten. Der dann letztlich auch kam. Über den Blog und vor allem die Themen, versuchten wir uns gleichzeitig etwas zu sagen und dem Partner zu schaden. Man liest die getroffenen Hunde und die teils garstigen Sticheleien richtig raus, was gleichermaßen spaßig wie erschreckend ist. Zum Glück muss ich der Frage, wie es dazu kommen konnte nicht mehr nachgehen, denn über diesen Punkt sind wir inzwischen längst hinaus. Wir sind angekommen, glücklich und haben den wesentlichen Teil unserer inneren Zwistigkeiten überwunden.

Und genau deshalb glaube ich, dass es eine gute Idee ist, den Blog zu reanimieren. Ich schreibe sowieso jeden Tag einen Text; wieso nicht auch mal etwas schreiben, dass einen gewissen Nährwert hat? Mal ein Text über Themen, die Frauen und Männer betreffen? Wahrheiten über Sex, Komplimente und andere Alltagssituationen. Völlig ohne die Mario-Barth-Version von Beziehungen. Ohne Übertreibungen des Humors wegen, sondern die tatsächliche, ungeschönte und vor allem bislang unausgesprochene Wahrheit. Denn immer wieder sehe oder höre ich von Paaren, die alleine deswegen scheitern, weil sie keinen Schimmer haben, was der Partner sich wünscht. Wieso also nicht Abhilfe schaffen, wenn es doch geht?! Auf dem Blog wäre sowas wieder machbar.

Ein anderer Punkt, den ich nicht unterschätzen möchte, ist der, dass wir sehr gereift sind. Unsere Erfahrungen sind reichhaltiger, unsere Leben nicht länger von Parties, Alkohol und Wochenenden ausgefüllt, sondern vor Allem emotional weit gereift. Wir haben erkannt und akzeptiert, wer wir sind und wie wir ticken. Sowohl an uns selbst, als auch dem Partner. Alles ist bekannt und in seiner vollkommenen Unvollkommenheit gewollt wie gewünscht. Unsere Bindung ist stärker denn je, was uns zum ersten Mal wirklich als ein Team agieren lässt. Also genau das, was eine Beziehung sein sollte. Eine Zusammenstellung starker Einzeltalente für ein besseres, größeres Ziel.

Dazu käme dann noch, dass ich darüber mein neuerlich aufgeflammtes Interesse für Verhaltenspsychologie anwenden könnte. Warum auch immer wir so viele Jahre nicht dahinter gekommen sind, ist mir ein Rätsel, aber wir interessieren uns beide sehr für den psychologischen Aspekt an zwischenmenschlicher Interaktion. Gerne beurteilen und bewerten wir Situationen wie auch Begebenheiten aus unserem Umfeld. Diskutieren die verschiedenen Möglichkeiten und Ansichten, wie es zu eben jeder Situation kommen konnte und auf welchem Weg der Konflikt behoben werden kann. Folgen und Auswirkungen, ein Blick in die Kindheit, äußere Einflüsse usw… Alles wird berücksichtigt und analysiert.

Es ist äußerst faszinierend zu sehen, dass wir in solchen Unterhaltungen leidenschaftlich und interessiert sind. Viele unserer sonstigen Gespräche sind eher Höflichkeitsakte, denn während der eine mit Leidenschaft von Dingen berichtet, die ihn Bewegen, hört der andere nur halbherzig hin und versucht nicht völlig den Faden zu verlieren. Ein wirkliches Interesse an den Inhalten besteht hingegen nicht. Doch im Fall von Beziehungen, ihren Ursachen und Auswirkungen, da sehen die Zusammenhänge anders aus und wir beide gehen auf.

Ich glaube der Blog ist nicht nur eine aufregende Erfahrung der Liebsten und meiner Wenigkeit, sondern auch spannend für den Leser, der etwas mehr Futter wünscht als die pauschalisierten Klischees, die uns allein ein Beziehungsbild suggerieren, dass es so gar nicht gibt. Hoffen wir einfach mal das Beste und warten ab, was die Liebste sagt.

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