Ich hasse mein Leben – Ein Zyniker sieht rot

„Nabend zusammen!“, rief ich genervt, während ich die Haustür vorsichtig aufstieß. Dabei balancierte ich zwei Alditüten und einen Karton Milch auf meinem Knie. Alles nur einen winzigen Hauch davon entfernt ein buntes Bild moderner Kunst auf dem schicken grünen Teppich abzugeben. Da ich nichts hörte, versuchte ich es erneut. „Nabend! Ich bin zuhause und könnte durchaus Hilfe gebrauchen.“ Mein Ton wurde schärfer. Ich hasste es, wenn diese faulen Säcke absichtlich so taten, als würden sie mich nicht hören. Nur weil sie keinen Bock hatten mir zu helfen. Wäre schließlich nicht das erste Mal. Ich fragte mich, wieso ich die beiden überhaupt bei mir wohnen ließ.

Arschlöcher…

Auf dem kurzen Weg in die Küche rammte ich mir den Fuß am Türrahmen. Und zwar mit Schmackes. So richtig schön den großen Onkel in die Kante gehauen. Vor Schreck jaulte ich laut auf, lies die Tüten unsanft fallen und verfluchte Gottheiten, an die ich nicht glaubte. „So eine verfickte Scheiße. Ich dreh durch.“ Aus einer der Tüten war ein hässliches Knirschen, auf das ein lautes Schmatzen folgte. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. „Verflucht nochmal.“ Und dann noch ein paar unverständliche Wortfetzen hinterher. Ich hüpfte auf dem noch heilen Fuß umher, während ich versuchte die restlichen Einkäufe bei minus behalten. Vergeblich . Eine Milchtüte löste sich aus der ohnehin schlecht verbauten Konstruktion und klatschte mir erst auf den Fuß, dann auf den Boden.

Argh!!!!

Während leise die weiße Flüssigkeit aus dem Karton plätscherte und auch der Rest der Einkäufe den Duft der Freiheit atmen wollen, fragte ich mich, wie hoch wohl die Chancen dafür standen, dass eine Tüte aus dieser Höhe ohne Schwung auf Teppich derartig aufplatzt, dass die Spritzer überall in der Küche zu finden waren. Enttäuscht und frustriert setzte ich mich auf den Boden. Natürlich landete ich dabei genau in der dunklen Pfütze, die sich um die Milch gebildet hat. „Yay!“, sagte ich leise zu mir und legte den Kopf auf die Knie. Das war es dann wohl mit dem Abendessen!

Manchmal hasste ich mein Leben. Meistens an Tagen, wie diesen; Tage die mit einem Arschtritt beginnen und einem deftigen Schlag in die Magengrube aufhören. Ich hatte heute bereits genug Stress auf der Arbeit. Kundenservicehotline für Lebensversicherungen, der wohl entwürdigenste Job der Welt. Denn eigentlich machte ich nichts anderes als mich ständig anpöbeln zu lassen, für Dinge, die ich nicht verbrochen habe. Beispielsweise rief mich eine Kundin an um mir zu sagen, dass ich die Ausbildung ihres Sohnes verzockt hätte. Meine Jacht wäre der Grund, wieso er keinen guten Job finden würde. Sie schrie, kreischte und jammerte. Von Zeit zu Zeit ließ sie ein seichtes Schniefen hören, dass umgehend von einer Welle aus Schimpfworten abgelöst wurde. „Hören Sie,“ fing ich an, „nehmen wir einfach mal an, sie haben Recht. Nehmen wir an, ich habe die Kohle ihres Sohnes verzockt und in eine Jacht gesteckt. Meinen Sie nicht auch, dass ich dann einen anderen Job machen würde als mich von Kunden beschimpfen zu lassen? Sind sie nicht auch der Meinung, dass es bessere Wege gibt Geld zu verdienen? Bei denen man Menschlichkeit und Würde noch achtet?“ Sie schwieg. „Ich will mal ganz ehrlich zu ihnen sein.“, fuhr ich fort. „Wir wurden beide betrogen. Denn von dem Geld, dass sie nicht mehr haben, habe ich jetzt auch nichts. Und dass obwohl ich mir von Ihnen genau das vorwerfen lasse. Wie finden Sie das?“ Sie schwieg weiter. Statt etwas zu sagen, schnaubte sie nur übertrieben laut in die Hörmuschel. „Haben Sie das verstanden?“, wollte ich wissen. Doch sie behielt es sich vor nicht zu antworten. „Nun, ich biete ihnen folgendes an. Ich gebe ihnen die Anschrift meines Chefs, sie fahren hin und holen sich ihr Geld zurück. Wie finden Sie das?“

Stille

„Mehr kann ich ihnen wirklich nicht anbieten. Also, er wohnt in der Rabenstraße 23 in Hamburg. 2. Stock, bei Ottmayer.“ Noch während ich breit grinsend weiterredete, sah ich meinen Chef. Hinter mir. Und was er tat war nur entfernt mit einem Lächeln zu beschreiben.

Ich hasse mein Leben

Und nun saß ich da, Gefahr laufend, demnächst Quark im Hosenbein zu erzeugen und fühlte mich furchtbar. „Wa… Wa… Was… iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiisssssssssssst de-de-denn loooooooooooooooos?“ Günther betrat den Flur. Langsam. Sehr, sehr langsam. „Häh?“, entgegnete ich durch meine Knie ohne den Kopf anzuheben. „Wa-wa-wa-wa-…“ „Was hier passiert ist?“, unterbrach ich ihn genervt. Ich war heute nicht in der Stimmung für diese Unterhaltungen. Meine Nerven lagen blank und meine Geduld war am Ende. Beides hätte ich für ein Gespräch mit Günther, meinem Mitbewohner, gebraucht. Allem vorran, weil mein Gegenüber neben seinem Stottern auch noch derart lahm sprach, dass Blumen parallel verwelken würden, ehe er einen Satz zu beenden versucht. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, sonst liebe ich unsere Unterhaltungen samt ihrem Tiefgang, nur eben nicht heute. Hier und jetzt, tief in leicht angetrockneter Milch sitzend.
Nicht mein bester Tag, das erwähnte ich ja bereits. „J-j-j-j-ja genau!“

„Ich komm hier rein, völlig überladen, rufe um Hilfe und was denkst du passiert, huh?“ Schweigen. Seine schrumpelligen Augen sagten Alles. Verlegen blickte er auf den Teppich, wo sich aus einer Tüte ein feines Rinnsaal aus Schoko – Himbeer-Eis bildete.
„Hab ich mir gedacht! Meine beiden Mitbewohner, ach was sag ich, die beiden, die bei mir wohnen dürfen, weil ich ein großmütiger und netter Kerl bin, ignorieren mich einfach. Der Rest ist eine Mischung aus mangelndem Geschick und unglücklichen Zufällen.“ Die aufgeplatzte Milchtüte gluckste, dann ergoss sich auch der letzte Rest über dem Teppich. „Och Kinder, was ist denn hier schon wieder passiert?“ grunzt es aus dem Off. Ich blicke mich um, konnte aber niemanden sehen, auch wenn ich genau wusste, wem die Stimme gehörte. „Was für eine Sauerei das schon wieder ist… Dabei hab ich die Küche doch gestern erst geputzt.“ Kopfschüttelnd stapfte Hans um die Ecke und starrte mich verächtlich an. „Gestern?“, fragte ich ironisch, wissend, dass ich die Küche gestern geputzt habe und er nur korrigierte und Anweisungen gab. „Es reicht wohl nicht, dass du hier reinplatzt, als wärst du Heidi Klum auf neuen Stilletos, nein, dann musst du auch noch lautstark kreischen wie ein Mädchen, weil du dir dein zartes Füßchen stößt.“ Er schüttelte verständnislos den runden Kopf. „Du wohnst hier nicht alleine, mein Lieber. Ist dir das bewusst?“ Dabei hielt er sich einen Huf an die Stirn und seufzte. „Ich brauche doch meinen Schönheitsschlaf!“

Ich rollte die Augen. Diesen Vortrag hatte ich schon unzählige Male gehört. Und war ihn leid. „Du bist ein Schwein.“, entgegnete ich. „Du brauchst keinen Schönheitsschlaf.“ „Oder er hilft nicht!“ fügte ich in Gedanken hinzu. Hans riss die kleinen Knopfaugen auf und versuchte zu knurren. Heraus kam aber nicht mehr als ein Grunzen und heiße Luft. „Das nimmst du sofort zurück!“ Dann rümpfte er die Nase und tippelte zurück in sein Zimmer. „Ich mach das jedenfalls nicht weg. Nur das du’s weißt! “ Damit hämmerte er seine Tür zu. Kurz darauf war lediglich ein dumpfes Schluchzen zu vernehmen. Fast gleichzeitig schüttelten Günther und ich den Kopf. Wahrscheinlich dachten wir sogar dasselbe, schließlich war es nicht das erste Mal, dass so etwas passierte.

„U-U-Unfasssbar!“, mampfte er und machte  allmählich kehrt. „Wohl wahr! Wohl wahr.“ Und dann mehr zu mir als zu ihm: „Ich mach das dann alleine weg?“ Allerdings war er schon wieder im Wohnzimmer verschwunden. „Typisch!“, dachte ich mürrisch und raffte mich auf. Obwohl mein Fuß pulsierte, als würde er nur auf den richtigen Moment zum Platzen warten, machte ich mich daran, dass Chaos zu beseitigen, den Milchfleck bestmöglich trockenzulegen und nicht länger daran zu denken, was für Mitbewohner ich doch hatte.

Etwas später lagen Günther und ich auf der Couch und zappten stumpf durchs Programm. „Nichts. Nichts. Nichts. Weiter. Nächster. Weiter…“, murmelte ich, während mein Daumen in stetig gleicher Frequenz die kleine gelbe Taste auf der Fernbedienung drückte. Ich wollte es nicht zugeben, aber ich schaute längst nicht mehr darauf, was lief. Stattdessen drückte ich die bunten Bildchen pauschal einfach weg. Günther widersprach nie, also nahm ich an, dass er ebenfalls kein Interesse an einem bestimmten Programm hatte. „Worauf hast du denn eigentlich Lust?“, fragte ich in die Stille. Gemächlich drehte er den Kopf zu mir, blinzelte in einer Geschwindigkeit, dass ich zunächst davon ausging, dass er einschlafen würde. „W-W-W-W-Weiß nicht. B-B-B-B-Buch?“

Ihm ging sein Stottern selbst auf den Keks, weswegen er immer dann, wenn er überhaupt keine Lust hatte zu reden nicht mehr sagte, als nötig. „Du willst was lesen? Echt jetzt?“, erwiderte ich. „Ich nehme mal an, du meinst nicht die Facebook-Timeline.“ Ich atmete tief durch und schnitt Günther seine noch unausgesprochene Frage ab. „Schon gut! War nur ein Scherz. Aber ein Buch… ich weiß ja nicht.“ Ich wusste schon, aber das wollte ich nicht zugeben. Lesen lag mir nicht. Fast 30 Jahre mediale Unterhaltung zerstörten meine Fähigkeit mir Dinge vorzustellen komplett. Das ging so weit, dass ich lediglich Bücher las, bei denen ich die Verfilmung bereits gesehen hatte. Fantasie war da nicht mehr nötig, Erinnerungen reichten völlig aus.

Mir lag der Gedanke fern, dass ich meinen Abend vor einem toten Baum mit Druckerschwärze verbringen sollte. „Etwas Bildung würde dir nicht schaden.“ In mir stieg Wut auf. Plötzlich hasste ich das alte Reptil. Zum einen, weil er die unnötigen Sätze schnell und ohne Stottern herausbrachte, zum anderen, weil er recht hatte. Ich konnte Bildung gebrauchen. Schon seit Jahren hatte ich keine Nachrichten mehr gelesen oder eine Zeitung in der Hand gehabt. Außer um witzige Drohbriefe an meine Nachbarn zu schreiben. Dafür schnitt ich verschiedene Buchstaben aus und klebte sie auf einen Zettel. Ich hielt mich dabei für unfassbar kreativ und witzig. Einer meiner Briefe sah so aus:

Hallo Herr Meyer,

ich finde es bemerkenswert, dass sie gerne in den Klamotten ihrer Frau einkaufen gehen, aber bitte ziehen sie sich beim nächsten Mal Unterwäsche an.

Danke

Adressiert natürlich an Frau Meyer!

Ich liebte es Streitigkeiten zu entfachen. Dank der dünnen Wände hier im Haus, konnte ich beinahe allen Unterhaltungen folgen, ohne das die Nachbarn es merkten. Traumhaft. Manchmal machten wir daraus eine Wg-Veranstaltung. Günther mampfte wahlweise Salat oder altes Brot, Hans hingegen Chips, bizarrer Weise am liebsten mit Baconaroma, aber hey, wer würde da urteilen.
Über die Jahre hatte ich allerlei Absurditäten miterlebt, was kümmerte mich da der Hauch von Kannibalismus aus der Tüte?
Hans blieb den ganzen Abend in seinem Zimmer. Wahrscheinlich war er immer noch beleidigt. „Mir egal. Der kriegt sich schon wieder ein“, dachte ich und sah mich augenblicklich wieder mit meinem eigenen Problem konfrontiert. Bücher
Es war mir unangenehm, denn Günther hatte absolut recht. Ich verwahrloste geistig vollkommen. Selbst einfachste Dinge begannen mit anzustrengen, selbst meine Faulheit nahm immer weiter zu. Wenn sich ein Begriff oder eine Erklärung nicht auf Anhieb googlen ließ, war sie nicht wichtig genug. Weitere Nachforschungen strebte ich nicht an, ganz im Gegenteil. Manchmal vergaß ich auf halber Strecke, was ich eigentlich wissen wollte. Also schaute ich fast schon automatisch bei Facebook nach. Dort scrollte ich dann ein bis zwei Stunden durch die Timeline ohne auch nur einen Beitrag zu lesen oder gar zu öffnen. Schrecklich.
In einem Anflug von heroischer Selbstüberschätzung sprang ich von der Couch auf. „Es wird Zeit, dass sich etwas ändert. Schluss mit der Faulheit, Schluss mit dem Rumgehocke und vor allem Schluss mit dem dreckigen Fernseher! “ Wutentbrannt sprang ich auf, hechtete zum bunten Flimmerkasten und packte ihn an den Ecken, als wollte ich ihn anheben. „Mach die Tür auf, das Teil fliegt jetzt raus!“ Günther war sichtlich perplex und schaute mich nur ungläubig an. Dann rollte er die Augen und stieß einen vielsagenden Seufzer aus. „Wirklich?“, zischte er. „Du erwägst also allen Ernstes die Beendigung deiner vielversprechenden Fernsehkarriere durch das martialische Entsorgen des Endgerätes?“ Darüber musste ich nachdenken. Wie immer eigentlich, wenn er derart eloquent daher kam, denn wie immer hatte ich kein Wort verstanden. „Häh?“, blaffte ich zurück. Erst jetzt fiel mir auf, wie schwer der Fernseher war. Mit knallrotem Kopf ließ ich den 50″er fallen, wo er ein lautes Knacken von sich gab. „Uhh…“, dachte ich und sog kräftig durch den spitzen Mund. „Das klang hässlich!“
Es dauerte nicht lange, bis die bislang verschlossene Tür zu Hans sich öffnete und ein einsamer Schweinekopf heraus lugte. Er rümpfte den Rüssel, als könnte er der Luft etwas entnehmen, dass niemand sonst bemerken würde. „Was ist hier los? Warum der Krach? Seid ihr noch ganz dicht?“
Entnervt zuckte ich mit den Achseln, während Günther lediglich den Kopf schüttelte. Den Blick auf den Boden gerichtet, sagte er: „Es ist nichts von Belang. Der Spinner hatte nen Anflug von Selbstverwirklichung und wollte sich des Fernsehers entledigen. Seine schwache Brust ließ er dabei gänzlich außer acht.“ Dann formte sein runzeliger, kleiner Kopf ein schelmisches Grinsen. Sicher kam er sich gerade super schlagfertig vor.
„Oh mein Gott!“, krakelte Hans, wobei er das ‚O‘ besonders in die Länge zog. „Was ist das nur für ein Kerl… Ständig etwas neues in Der Birne…“
Vor meinem inneren Auge stellte sich der rosa Vierbeiner auf und stemmte sich einen Huf in die speckige Hüfte. Er redete wie eine dieser Model-Anwärterinnen, die sich benehmen, als wären sie längst reich und berühmt. Hans trug zwar keine Schminke, aber das war für den Eindruck auch nicht notwendig.
„Macht nur so weiter! Macht nur so weiter!“ Grummelig drehte ich mich um. „Ihr seid mir ja ein schöner Haufen Freunde. Könntet mir zur Seite stehen, mich bei meinem Lebenswandel unterstützen, aber nein, ihr mault nur rum und macht euch lustig. Klasse. Genau sowas wünscht man sich. Ernsthaft.“ Zwar konnte ich mich dabei nicht sehen, aber ich bin mir sicher, dass ich männlich die Augenbrauen hochzog.

Amanda

Amanda saß auf ihrer Terrasse, wie sie es jeden Samstag tat. Sie blickte über das weite Feld und erfreute sich an der Wärme des Tages. Mit kräftigen Zügen sog sie die frische Herbstluft, die sich leicht mit dem Teearoma vermengte, auf. Keine Frage, dieser Tag war auf dem Besten Weg ein unvergesslicher zu werden, doch nicht so, wie Amanda sich das erhoffte. Während ein leichter Windzug aufkam, erinnerte sie sich an die letzten Jahre zurück. Dabei dachte sie an ihren Mann und die beiden Kinder. Sie sah sie auf der Wiese vor dem Haus herum tollen, sich fangend und laut lachend. So sah sie ihre Familie am liebsten.

Bei der Küchenarbeit schaute sie immer durch das kleine runde Fenster, dass den Garten zeigte. Während sie Gemüse schnitt und ihre Kinder umher rannten, als wäre der Teufel hinter ihnen her, war Amanda für einen kleinen Moment vollkommen im Reinen mit sich. Sie vergaß den Schmerz und die Wut, die in ihr steckten. Nur für diesen winzigen Augenblick des Tages, war alles in Ordnung. Ihr Platz in diesem Universum war mit Watte ausgekleidet und niemand könnte ihr Leid zufügen. Vor allem sie selbst nicht.

Doch diese Momente waren selten. Sehr selten, denn Amanda war krank, sehr krank, weshalb sie häufig weinte und schrie. Immer wieder musste John Ärzte holen, weil sie in der Nacht Anfälle bekam und er befürchtete, seine geliebte Frau wäre des Todes. Und jedes Mal sagten die Mediziner dasselbe zu ihm. Er sollte ihr echte Hilfe besorgen, sie unter Aufsicht stellen und sich mit den Kindern in Sicherheit bringen. Doch er weigerte sich, dementierte, dass Amanda so krank sei und hoffte insgeheim auf Besserung. „Ich habe ihr die Treue geschworen, in guten wie in schlechten Zeiten“. Immer wieder sagte er sein Ehegelübte in seinem Geist auf, weil er hoffte, sich selbst damit Mut und Kraft zu machen. Manchmal klappte es sogar, meistens jedoch nicht.

Amanda nahm einen Schluck aus der weißen Porzellantasse und schmeckte die köstlichen Aromen von Brombeeren und Johannisbeeren in ihrem Mund. Über dem Tee bildete sich zarter Nebel, der im Sonnenlicht emsig funkelte. Die Ähren des Weizenfeldes wogen seicht im Wind umher, wobei sie ein betörendes Rauschen abgaben, dass Amanda an eine kleine Bucht erinnerte, wo sie mal Urlaub gemacht hatten. In diesem Jahr, dass alles verändern sollte.

John buchte gegen den Rat der Ärzte einen Familienurlaub in der Toskana, weil er davon überzeugt war, dass ihr ein Tapetenwechsel gut tun würde. Und auch für die Kinder war es eine gelungene Abwechslung, durch den warmen Sand waten zu können und für einen Moment, sei er auch noch so kurz die Sorgen über Bord zu werfen. Also packten sie im späten September ihre Koffer, fuhren zum Flughafen und verließen gemeinsam das erste Mal das Land. Die Kinder waren vollkommen außer sich und kamen nicht mehr zur Ruhe. Alles war neu und aufregend für sie, weswegen sie ständig von einer Sache zur nächsten huschten, sich alles genau ansahen und mit lauten Rufen auf sich aufmerksam machten.

Doch die Tage verliefen nicht wie John es sich erhofft hatte, denn kaum angekommen verfiel Amanda wieder in alte Muster. Sie weinte lange und ließ sich nicht beruhigen. Wurde wütend und laut, wobei sie wild um sich schlug. Dabei verletzte sie ihren Mann mehr als nur einmal. Für John waren es aber nicht die körperlichen Wunden, sondern die seelischen, die ihm den Mut nahmen. Er konnte nicht mehr, wollte auch nicht. Seine Frau war krank, dessen war er sich bewusster denn je und zum Schutz seiner Kinder würde etwas passieren müssen. Deswegen fasste er einen folgenschweren Entschluss. Nach der Abreise würde er mit den Kindern ausziehen. Weit weg von alledem hier.

Nach der Woche in der Sonne, kehrten die vier Heim. Niemand wirklich glücklich oder erholt, denn die Kinder hatten mehr mitbekommen, als sie sollten. Amanda war sich ihrer Ausfälle bewusst, bereute sie auch beinahe jedes Mal, aber fand keine Lösung. Sie unterlag sich selbst. Und John? John wusste, dass sein Leben, wie er es kannte enden würde und ein neues bevor stünde. Ein Gedanke, der ihn sehr ängstigte.

Amanda wusste, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte, sah aber keinen Grund zur Besorgnis. Auch nicht, als er die Koffer packte und mit den Kindern ins Auto stieg. Etwas irritiert stand sie in der Tür und winkte den dreien ein letztes Mal.

„Wie geht es ihr?“, fragte eine raue Männerstimme.

„Nicht besser oder schlechter als gestern, Sir“. antwortete eine andere.

„Erinnert sie sich an etwas?“

„Wir sind uns nicht sicher. Sie hat sich seit Stunden nicht mehr bewegt, starrt lediglich an die Wand ihrer Zelle und murmelt wirres Zeug.“ Die Stimme zögerte. „Sie scheint ganz ruhig zu sein. Untypisch nach derart grausamen Verbrechen.“

Amanda hob ein letztes Mal die Tasse mit dem Waldfruchttee auf um sie an den Mund zu führen, ohne zu bemerken, dass sie nicht existierte.

Todgeweiht 5

Zunächst schauten beide etwas verlegen auf den Teppich unter dem massiven Couchtisch, der ganz danach aussah, als wäre er am Stück aus einem gewaltigen Baumstamm gesägt worden. Seine Oberfläche glänzte, vermutlich weil meine Mutter ihn noch am Morgen poliert hatte, was sie täglich nach dem gemeinsamen Frühstück tat. Sie liebte ihre Rituale und ging völlig darin auf, wenn sie ihnen nachgehen konnte.

Die Bulldogge machte einen trotteligen Eindruck. Alleine dieser Schnauzbart war lächerlich. In einer anderen Situation hätte ich bestimmt hunderte Witze im Kopf gehabt. Sein Gesicht lud förmlich dazu ein, doch jetzt war da gar nichts. Er saß eingefallen auf den Polstern, als würde sein Brustkorb auf dem gewaltigen Wanst ruhen. Kopf und Hals verschmolzen zu einem Hautlappen ohne nähere Bestimmungen zu gestatten. Unter seiner Polizeimütze lugten dünne Strähnen fettiger Haare hervor, einige grau, andere vermutlich braun. Genau war das nicht zu erkennen.

Mein Vater saß daneben wie ein Häufchen Elend, seine Hände ruhten zwischen den Beinen und der Kopf hing desillusioniert herab. Heute morgen bekam er einen Anruf von der Polizei, die ihm alles erzählte. Den Überfall, die Verletzungen, die OP. Einige Zeit saß er im Krankenhaus weil er natürlich Mama sehen wollte, aus erster Hand erfahren wie es ihr geht. Vielleicht auch nur die Hilflosigkeit kaschieren, die ihn quälte. Ich denke nicht, dass es etwas schlimmeres gibt als zu wissen, dass es nichts auf der Welt gibt, dass man tun kann. Er war ein Macher und tatenlos zusehen, das Schicksal seiner großen Liebe in die Hände fremder Menschen zu legen, das alles wühlte ihn auf. Erst jetzt viel mir auf, dass er zitterte. Sein glasiger Blick machte mir Angst.

Der Polizist rutschte seinen gewaltigen Körper in eine etwas aufrechtere Position und schaute mich direkt an. „Hör mal Junge, ich bin leitender Ermittler Michael Lassing und wir werden alles tun, was in unserer Macht steht um deiner Mutter zu helfen. Genauso werden wir alles daran setzen, die Typen zu kriegen, die das waren. Das musst du mir glauben.“ Immer wenn er sprach, schwabbelte seine Hals-Kinn-Falte. Der ganze Typ wirkte wie die Karikatur eines kleineren und weniger dicken Mannes. Seine Worte beruhigten mich kein bisschen, sie machten es schlimmer. All die Wut in mir flammte erneut auf, denn der fette, schmierige Polizist konnte auf keinen Fall das Beste sein, dass die örtliche Polizei zu bieten hatte. Er bot mir keine Zuversicht und in spürte Verachtung aufkommen, weswegen ich lediglich nickte.

„Zur Zeit wissen wir noch nicht viel, außer das deine Mutter von mindestens einem Täter überfallen wurde. Da nichts gestohlen wurde, gehen wir derzeit von einem gezielten Verbrechen aus. Es gab keinerlei Zeugen aber wir gehen jeder Spur nach.“ Mir blieb der Atem weg. Ein Angriff? Wieso? Wer könnte ihren Tod wollen? Meine Mutter war ein guter Mensch, sie hatte keine Feinde, niemanden verärgert also warum wurde sie auf der Straße ohne Grund erstochen?

„Was?,“ fragte ich. „Sie sagen jemand WOLLTE, dass sie verletzt wird?“ Mit der Kraft eines Orkans übermannten mich meine Emotionen. Die Kiste befand sich nicht länger auf dem Dachboden, wo sie Staub ansetzte, sondern in meiner Magengrube, und sie war weit geöffnet. Wut, Trauer, Angst und Hilflosigkeit mischten sich zu einem Gefühlscocktail zusammen, der jeden Moment losbrechen würde, wenn ich doch nur gewusst hätte wie. Mit letzter Kraft versuchte ich mich zu beherrschen, denn niemandem wäre mit einem Zusammenbruch geholfen. „Gibt es irgendwas, dass Sie uns sagen können?“ wollte ich wissen, wobei ich mich um einen freundlichen Ton bemühte.

„Nein, leider haben wir kaum Anhaltspunkte, aber die Spurensicherung sucht gerade den Tatort ab und informiert mich, sobald es etwas Neues gibt.“Etwas an ihm hatte sich verändert. Ich schenkte seinen Worten Glauben. „Hast du vielleicht eine Idee, wer deiner Mutter schaden wollte? Egal wie banal es scheinen mag, jeder Hinweis könnte eine Spur sein. Denk bitte genau nach.“

Das tat ich. In Gedanken ging ich die letzten Jahre durch, alles was sie mir über die Arbeit, die Kollegen, ihre Freundinnen und die langweiligen Shopping-Geschichten je erzählt hatte, prüfte ich auf Relevanz. Vergeblich. Bei genauerem Nachdenken schien sie mir eine Heilige zu sein. „Nein,“ entgegnete ich etwas enttäuscht. „Mir fällt niemand ein, der Ärger mit ihr hatte. Sie kam immer mit allen gut aus.“ Dann grub ich mein Gesicht in die Handflächen und weinte bitterlich. Die Gefühle brachen aus, auf dem einzigen Weg, der ihnen in den Sinn kam.

Mein Vater erhob sich aus seinem katatonischen Zustand: „Hören Sie, Herr Lassing, so wie es aussieht kann der Darryl Ihnen auch nicht weiterhelfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir jetzt etwas Zeit für uns brauchen.“

Todgeweiht 4

Natürlich hatte mein Verstand eine solche Fantasie in meinen Kopf gepflanzt, aber sie jetzt ausgesprochen zu hören machte mir Angst. Ich liebte meine Mutter und wollte mir nicht ausmalen, wie mein Leben ohne sie aussehen würde. Wut mischte sich mit Verzweiflung und traf mich wie ein Schlag, weshalb mir dicke Tränen aus den Augen schossen.

„Nein,“ brüllte ich in den Raum. „Das kann nicht sein. Nein, verdammt.“ Ich hoffte die Worte würden mir Recht geben. Mir wurde heiß und meine Lungen fassten keine Luft mehr – Ich musste dringend aus dem winzigen Büro. Ohne etwas zu sagen stürmte ich durch die Tür und hinterlies drei ratlose Gestalten, die sich nun hilfesuchend Blicke zu warfen.

Ich rannte so schnell mich meine Füße tragen konnten nach draußen, an den einzigen Ort, der mir jetzt richtig schien. Die alte Eiche auf dem Schulhof. Dort angekommen lehnte ich mich mit dem Gesicht daran und gab mich den Tränen hin. Eine nach der anderen tropfte in den Schnee und schmolz winzige Tunnel hinein. „Bitte lass alles gut werden. Bitte, ich flehe dich an.“ murmelte ich halb zu mir, halb zur Eiche, dabei bohrte ich meine Finger tief in die steif gefrorene Rinde. Mehrfach schlug ich mit der geballten Faust dagegen, ehe mir schwarz vor Augen wurde und ich das Bewusstsein verlor.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich das Gesicht meines Vaters über mir. Es wirkte vernebelt und nicht real, ähnlich der Welt, durch das beschlagene Badfenster. Seine Stimme drang dumpf in mein Ohr ohne die Bedeutung der Worte zu verraten. „Was…“, setzte ich an und versuchte die Situation zu verstehen. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Wo war ich und was war passiert? Hatte ich mir das mit meiner Mutter nur eingebildet oder ist es wirklich passiert. Schon wieder füllten sich meine Augen.

Doch als mein Vater sein Gesicht nicht entspannte musste ich erkennen, dass ich wohl ohnmächtig geworden war. „Oh mein Gott, geht es dir gut?“ Die Stimme erkannte ich. Zwar dumpf, wie durch Watte, aber sie schien mir vertraut: Frau Haderloh. Ich war also immer noch in der Schule. Mein Blick klarte sich langsam auf und ich stellte fest, dass ich auf einer dieser unbequemen Sitzkonstruktionen auf den Heizkörpern im Schulflur lag. Wie sie mich wohl hier hin gebracht haben?   Die Augen meines Vaters waren rot und aufgequollen, aber er bemühte sich zu lächeln:“Ruh dich noch ein wenig aus, dann fahren wir nach Hause.“

Wenig später saßen wir im Auto und fuhren den kurzen Weg zu unserem Haus. Er erklärte mir, dass es noch keine Neuigkeiten von meiner Mutter gab und wir nun geduldig sein müssen. Egal was passiert, er wäre für mich da. Verständlicherweise beruhigte mich das überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Solche Sätze sagen die Leute nur in den schlimmsten Fällen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist, weil in guten Zeiten keine Notwendigkeit besteht Rückhalt zu bekunden. Aber ich wollte mir keinen „Worst Case“ ausmalen, denn das würde den Tod meiner Mutter bedeuten. Wer könnte so etwas wollen?

In der Einfahrt wartete bereits ein Streifenwagen der Polizei. War nicht auch ein Polizist mit in der Schule? Fragend blickte ich Paps an. „Bleib bitte im Wagen, ich klär das.“ sagte mein er und stieg aus. Unmöglich zu erkennen, worüber er mit dem Fahrer des anderen Fahrzeugs sprach, aber beide wirkten niedergeschlagen. Nachvollziehbar, wenn man die Umstände bedenkt.

Dann drehte er sich in meine Richtung und gestikulierte mich aus dem Auto. Ohne weiter nachzudenken stieg ich aus und folgte den beiden Männern ins Haus. Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte, fühlte mich innerlich zerkratzt und leer. Als lägen all meine Emotionen in einer Kiste auf dem Dachboden, gefährdet nie wieder das Tageslicht erblicken zu dürfen. Es war grässlich und ich fühlte mich wie ein riesiger Holzklotz.

Die beiden setzten sich im Wohnzimmer nebeneinander auf die Couch, die meine Mutter letztes Jahr nach endlosen Debatten mit meinem Vater endlich bestellt hatte. Sie liebte das cremefarbene Blumenmuster darauf. Wie bei allem legte sie viel Wert auf die Details. Kleine verspielte Muster hier, der eine oder andere Kringel dort und am Besten alles im Einklang zueinander. Mein Vater hingegen war eher der Pragmat, weswegen seine ideale Couch möglichst groß und bequem sein musste. Doch er konnte ihr keinen Wunsch wirklich lange abschlagen und in Folge dessen saßen nun ein Polizist, der einer Bulldogge nicht unähnlich sah und mein er auf der weißen Couch mit dem schicken Blumenmuster.

Der uniformierte Mann kratzte sich auffällig seinen mächtigen Schnauzbart. „Als ob man da noch extra drauf hinweisen muss!“, dachte ich und setzte mich in den farblich abgestimmten Sessel.

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Todgeweiht 3

Der Winter brachte eine bezaubernde Melancholie über alles. Die Eiche war blattlos und dunkel, doch im Kontrast zum verschneiten Boden war sie wunderschön. Die knorrigen Äste wogen im Wind und einzelne Schneeflocken tänzelten unbeirrt umher. Letzte Nacht schneite es dicke Flocken und nun sah alles aus wie mit Marshmallow-Creme überzogen. Während Herr Braun gerade beim Buchstaben G verweilte, driftete ich in Gedanken ab. Das würde noch ewig dauern. Ich konnte meinen Blick nicht von der tanzenden Eiche nehmen. Die Schule wollte sie eigentlich fällen lassen, weil das Wurzelwerk die Turnhalle beschädigen könnte, aber zum Glück war das Betriebsamt dagegen. Diese Welt ist öde und trist genug, da macht es kaum Sinn die letzten Reste grüner Natur zu entfernen.

Plötzlich wurde es still in der Klasse, zu still. Herr Braun hatte aufgehört Namen zu verlesen und alle drehten ihre Köpfe zu mir. „Darryl, kommst du bitte mit mir? Ich muss dringend mit dir sprechen.“ Frau Haderloh, die Direktorin, wirkte etwas aufgelöst. Sie stand mit verschränkten Armen in der offenen Tür und starrte in meine Richtung. Etwas perplex fragte ich: „Was ist denn los? Hab ich was angestellt?“

„Nein, nein, keine Sorge. Nur muss ich dringend mit dir alleine sprechen, also wärst du so freundlich mich zu begleiten?“ Irgendetwas an ihr machte mir Angst.

Brian warf mir noch einen fragenden Blick zu als ich aufstand, den ich mit einem Schulterzucken beantwortete. „Ok, gehen wir.“

Während ich ihr näher kam, konnte ich sehen, dass ihre Augen feucht waren. Ihr unpassendes Make-Up war verschmiert und ihre Mundwinkel waren zu einer dünnen Linie zusammen gepresst. Frau Haderloh war in Ordnung, sie behandelte alle immer fair und lies ihre Launen nicht an den Schülern aus. Sie tat mir etwas leid, weil ihr Erscheinungsbild in diesem Augenblick furchtbar war.

„Was ist denn los?“ fragte ich ratlos.

„Es ist etwas passiert, aber das besprechen wir nicht vor der Klasse.“

Das machte mich nur noch nervöser. Sie öffnete die Tür und wies mich an zu gehen.

Da sie mir nicht direkt sagen wollte worum es ging, folgte ich ihr nachdenklich. Was konnte geschehen sein? Wieso so ein Aufriss? Die meisten Dinge hätte sie auch vor der Klasse mit mir besprechen können oder wenigstens vor dem Klassenraum. Aber sie bestand darauf, dass wir in ihr Büro im Nebengebäude gehen.

Die Unwissenheit machte mich wahnsinnig, so dass die hässlich braunen Flure mit ihrer Linoleumauskleidung unendlich lang wirkten. Allmählich machte sich Unbehagen in Form eines verdrehten Magens in mir breit. Immer wieder spielte ich alle Möglichkeiten durch, die diesen Aufriss rechtfertigten, doch mir wollte einfach nichts einfallen. In diesem Moment hasste ich meinen Verstand dafür, dass ihm zunächst die schlimmsten Szenarien einfielen. Nun machte ich mir auch noch Sorgen.

Als wir nach einer Ewigkeit der Anspannung endlich das Direktorenbüro erreichten, stellte ich überraschend fest, dass mein Vater ebenfalls anwesend war. Mit gesenktem Kopf stand er da und blickte den Boden an. Als er mich sah, drückte er mich fester, denn je und ich spürte, dass er am ganzen Leib zitterte. „Es geht um deine Mutter,“begann er mit wimmernder Stimme. Tränen schossen ihm aus den Augen und verhinderten, dass er den Satz zu Ende sprechen konnte.

Die Direktorin schloss die Tür und lehnte sich an ihren Schreibtisch. Diese ganze Situation machte mir inzwischen mehr als nur Bauchschmerzen. Ich hatte meinen Vater noch nie so gesehen. Bis heute hatte ich angenommen, dass er ein verschlossener und emotionskalter Typ sei, doch hier wirkte er zerbrechlich und aufgelöst.

„Was zum Teufel ist los?“, platzte es aus mir heraus. „Bitte, ich halte das nicht mehr aus. Was ist los?“

Mein Vater legte mir seine Arme auf die Schultern und schaute mir in die Augen. Mir wurde bewusst, dass so etwas in den letzten 15 Jahren noch nie vorkam. Unser Verhältnis war ok, aber sicherlich nicht das Beste. Die anderen Jungs hatten eine engere Bindung zu ihren Vätern, manche sogar zu ihren Stiefvätern. Doch Paps und ich koexistierten eher im Umkreis meiner Mutter. Er und ich hatten kaum gemeinsame Interessen und bislang war es für beide Seiten vollkommen in Ordnung. Doch nun stand er da und starrte mich mit tränenüberlaufenen Augen an.

Die Absurdität der ganzen Situation trieb mir ebenfalls das Wasser in die Augen. „Hör mal, heute morgen ist etwas Schreckliches passiert.“, setzte die Direktorin die Worte meines Vaters fort. „Deine Mutter wurde beim Einkaufen überfallen. Die Täter griffen aus heiterem Himmel mit Messern an und konnten unbemerkt fliehen. Sie wird gerade im Krankenhaus operiert.“

„Wir tun, alles was in unserer Macht steht um die Kerle zu finden, die deiner Mutter das angetan haben.“ Die unbekannte Stimme gehörte zu einem Polizisten, der sich bisher in der Ecke des Raumes befand. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte so viele Fragen, so wenig Antworten und keine Ahnung wie ich mich fühlen sollte.

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