Dunkle Pfade III

Ihre Schritte hallten durch die hohen Flure. Vorsichtig eilten sie durch das Labyrinth aus Gängen, Abzweigungen und Türen, stets die Angst entdeckt zu werden im Nacken. Aiden kannte die Wege noch von früher. Lange bevor er sich als Bauer einem einfachen Leben ergab, war er selbst Teil des Militärs. Doch das war eine andere Zeit und er dachte nur sehr ungern daran zurück, zu schmerzvoll sind die Erinnerungen. All die Opfer, die seiner Hand erlegen sind, verfolgen ihn noch heute im Schlaf. Die Geister der Gefallenen suchen ihn heim, raubten seinen Verstand und ließen ihn nicht mehr gehen. Aiden wollte all dem den Rücken kehren und ein besserer Mensch werden. Als Landarbeiter arbeitete er hart und teilte das bisschen, das er hatte gerne mit den Anderen aus der Siedlung. Niemand hinterfragte seine Vergangenheit, obwohl er davon ausging, dass einige sehr genau wussten, wer da eines Tages halb verhungert und schmutzig auf dem Dorfplatz zusammenbrach.

Nur der Liebe der Anwohner verdankte er sein Leben. Sie pflegten ihn, gaben ihm ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen im Bauch und einen Platz zum Leben. Der alte Renner brauchte auf seinem Hof schon lange Unterstützung. Seine Knochen waren mit den Jahren brüchiger geworden und sein Rücken schmerzte immer häufiger. Nur zu gerne nahm er die Hilfe des fremden Mannes an, der zwar offensichtlich kein Farmer war, aber anzupacken wusste. In jungen Jahren waren ihm keine Söhne vergönnt, lediglich eine Tochter brachte seine einzige Frau zur Welt; und verstarb bei der Geburt. Häufig schmerzte er sich über dem Gedanken, wie grausam die Götter waren sie aus dem Leben zu holen, noch bevor sie ihr eigenes Kind in den Armen halten konnte, seinen Atem spüren und das Funkeln in den Augen zu sehen.

Er brauchte viele Jahre um mit diesem Verlust umzugehen, stattdessen überhäufte er seine Tochter mit unendlicher Liebe, denn sie war nun alles, was er im Leben noch hatte. Sie hatte das Gesicht ihrer Mutter und so wurde er jeden Tag aufs neue daran erinnert, was die Götter ihm nahmen. Es war Aiden, der seine Sicht auf die Dinge änderte, denn er merkte an, dass seine Frau ihr bestes an ihre Tochter übergeben hat. So wäre ein Teil von ihr noch immer am Leben und würde über ihn wachen bis sie irgendwann in ihrer Liebe wieder vereint sein würden. Er gab ihr den Namen der Göttin der Liebe: Ivery

Die Winter kamen und gingen und schlussendlich verliebte sich Aiden in die Tochter seines Lehnsherren. Nur zu gern vermählte er die beiden, denn sein Gut brauchte einen Erben, der die Felder bestellte und weiter Steuern bezahlte. Wem diese Steuern zu Gute kamen spielte hier draußen kaum eine Rolle, der Putsch des Kommandanten betraf die Bewohner der Siedlung nicht. Sie hörten nur die Geschichten davon, wie der einstige Führer der Gardisten nicht mehr zufrieden war mit der Führung seines Königs und beschloss sich dessen Macht mit Gewalt zu nehmen. Seine überzeugenden Reden bescherten ihm regen Zuspruch unter seinen Männern. Bereitwillig begingen sie alle Hochverrat in Aussicht auf einen besseren Herrscher. Das Volk interessierte sich schon seit Langem nicht mehr für Politik. So lange ihre Steuern nicht stiegen und sie ihr Hab und Gut behalten durften, war ihre Treue dem aktuellen Hintern auf dem Thron sicher. Wem dieser Hintern gehörte war ihnen egal. Hier draußen, weit weg vom Palast interessierte es noch viel weniger.

Der alte Renner war drei Jahre nach der Hochzeit verstorben. Ruhig ist er Eingeschlafen, ohne Leid oder Schmerz. Aiden tröstete der Gedanke, dass er nach all der Zeit jetzt wieder bei seiner geliebten Frau war. Gemeinsam auf den Klippen des Lebens mit Blick über das Meer der Unendlichkeit. Arm in Arm und voller Liebe. Über die Jahre hatte er den alten Renner ins Herz geschlossen und fand in ihm den Vater, der seiner Kindheit fehlte. Er war kein Narr und wusste, dass die gute Seele des Hofes irgendwann zu den Göttern kehren würde, dennoch fiel er in tiefe Trauer. Die traditionelle Bestattung auf dem großen Platz fand großen Zulauf. Er war einer der ältesten der Siedlung und selbst aus angrenzenden Städten kamen einige Leute um sich von ihm zu verabschieden. Sein rituell balsamierter Leichnam wurde auf der Bahre aus Stroh und Holz platziert. Der Bürgermeister sprach die Worte um dem alten Renner den Weg zur Klippe des Lebens zu gewähren und legte als erster nach dem Gebet die Fackel im Stroh nieder. Während die Flammen sich schnell ausbreiteten, legten die Menschen von überall Fackeln dazu. Die Menschen glaubten, dass diese Fackeln dem Geist des Verstorbenen den Weg zur Klippe weisen sollen. Ohne das Licht würde der Geist den Weg nicht finden und auf ewig in der Zwischenwelt festsitzen. Während die irdischen Überreste ihres Vaters im grellen Schein der Flammen verschwanden, stimmte Ivery ein Lied an. Zunächst sang sie leise und alleine, doch mehr und mehr Menschen stimmten in den Gesang ein. Es war ein traditionelles Wiegenlied, dass der alte Renner ihr zum Schlafen vorgesungen hatte. Selbst als das Feuer fast abgebrannt war, konnte man in den umliegenden Städten noch den Chor hören, der einen geliebten Menschen verabschiedete.

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