Dunkle Pfade I

Verwundert und ein wenig beklommen folgte sie ihm durch die öden Gänge, durch zugige Torbogen, an stillen Zimmern vorbei und schließlich eine Steintreppe hinunter in einen Teil des Palasts, in dem sie noch nie zuvor gewesen war. Der Schrecken der vergangenen Minuten ließ sie dabei nicht los. Sie hielten vor einer großen massiven Holztür. Ihrer Größe nach, war sie nicht für normale Menschen gemacht. Das Tor war mindestens 3 Mann hoch. Da war sich Aiden sicher. Der Knauf befand sich unerreichbar über ihm. Voller Hohn schien er auf ihn herab zu blicken. Vorsichtig tastete er die Maserung der Tür ab. Sie schien absolut unbeweglich. Aiden stemmte seine ausgestreckten Arme gegen das dunkle Holz und drückte mit aller Kraft. Unter lautem ächzen, gab die Tür einen winzigen Spalt frei.

„Verdammt, wir müssen leise sein.“ keifte March, „Wenn sie uns hören, sind wir geliefert.“ Gereizt starrte er sie an. Sein Kopf war knallrot.  Alles hier unten war voll mit Spinnweben. Nichts deutete auch nur an, dass sich Menschen seit Bau des prächtigen Palastes hier aufgehalten haben. Die Luft war modrig und der Schein der Fackel erhellte kaum die Hand vor Augen. Gewiss war dies kein einladender Ort. Nur die Götter wissen, was es damit auf sich hatte.

„Dann hilf mir gefälligst,wir müssen uns nämlich auch beeilen. Sonst sind wir genauso geliefert.“Seine Augen zeigten in Richtung der Tür, gegen die er sich mittlerweile schräg stemmte. „Wann hast du den letzten von ihnen gesehen?“, keuchte er. „Ich… ich glaube an der großen Treppe.“ stammelte March. Jetzt hatte sie sich ebenfalls aufgerichtet um Aiden mit der Tür zu helfen. Wieder lies sie ein lautes Ächzen hören, diesmal jedoch bewegte sie sich deutlich schneller. „Nur noch ein Stück. Los, gib alles.“ Aiden stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte seinen Körper mit aller Kraft gegen das Holz.

Plötzlich vernahmen beide aus dem Augenwinkel einen Schatten, gefolgt von einem tiefen Knurren. Im Schein der Fackel konnten sie nicht weit genug sehen. Doch das Geräusch kam aus dem Gang hinter ihnen, daran hatten sie keinen Zweifel. „Oh Gott. Schnell. Sie kommen.“, quietschte March. Die Tür bewegte sich nur sehr langsam. Millimeter um Millimeter und die Zeit schien ihnen zwischen den Fingern zu entgleiten. Wieder dieses Geräusch. Ein Grollen wie Donner, aber auch ein Knurren wie das eines hungrigen Wolfs. Aiden bekam Angst. War es etwa ein Fehler in die Kellergewölbe zu fliehen? Er fragte sich, ob er über die Brücke in die Stadt gekommen wäre. Der Weg war gefährlicher, aber auch kürzer. In Panik konnte er keine guten Entscheidungen treffen, so war er nicht. Deswegen plante er die Rettung so lange. Aiden war gerne vorbereitet.

Vor etwa einem Monat hatte er von Marchs Lage erfahren und wurde vom König gebeten sie zu retten. Er, ein einfacher Bauer. Wie absurd. Doch seine Beziehungen zum Militär waren wertvoll in Zeiten wie diesen. Zeiten in denen der König keinen Zutritt zu seinem Palast hatte, seit der Kommandant der Gardisten die Kontrolle an sich Riss. Was ist ein einzelner König gegen seine eigene Armee als ein einfacher, wehrloser Mann? Zwar kam er bei Verwandten unter und plante, so sagt man sich auf dem Markt, die Rückkehr auf seinen Thron. Wie genau er das anstellen wollte, dass wusste niemand. Der König wusste von Aidens Lage, hatte ihn vielleicht sogar deswegen ausgesucht. Er bot ihm eine hohe Belohnung.

Dafür musste er lediglich March befreien und heil zurück zum König bringen. Die vergangenen Jahre brachten kaum Ernte und Aiden konnte seine Familie kaum ernähren. Das Angebot des Königs schien ihm wie gerufen zu kommen. March würde angeblich im Zimmer des Kommandanten oben im Palast festgehalten. Alles sollte ganz einfach werden, weswegen Aiden einwilligte. Wie er sich doch täuschte. Ohne Probleme kam er mit einer Uniform der Miliz in das Palastgebäude. Unbemerkt konnte er sich zu March vorschlagen, was ihn etwas überraschte, schließlich hätte die Lage durchaus ein gewisses Maß an Sicherheit erfordert.

Aiden hatte keine Ahnung wer March war oder wie sie in diese Lage gekommen war. Eigentlich war es ihm auch egal, schließlich stand das Überleben seiner Familie auf dem Spiel. Er war bereit zu tun, was zu tun ist. Er passierte die den letzten Korridor vor dem Raum in dem die Frau, die sein Leben ändern sollte auf einem Stuhl saß. Kaum abgebogen, traten 2 Wachen auf den Plan und musterten ihn auffällig. Unfreiwillig schmunzelte er über die Ironie der Situation.  Seine Kleidung passte in dieses Gebäude, alles andere nicht. Weder seine Haare, noch sein von der Feldarbeit gebräuntes Gesicht. Insgesamt war er fast zu schmächtig um in diesen Hallen nicht aufzufallen. Zielstrebig kamen die beiden Männer auf ihn zu. Aiden befürchtete das Schlimmste.

Teil II

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