Ein Tag in grau

Und dann war da plötzlich wieder einer dieser verregneten Tage. Ich sitze in der bahn, hämmere wie ein bekloppter auf mein Telefon ein und hoffe ständig, die Muse würde mich küssen, mir ein wenig Inspiration schenken. Doch meistens bleibt genau das aus.
Sinnentleerte Wirthülsen formen sich zu belanglosen Absätzen, vollkommen inhaltslos. Heute ist der 91. Tag in Folge, den ich mit 750 Wörtern anreichern soll und so langsam gehen mir die Ideen aus, denn so sehr ich mich auch bemühe, der wahre funken der Inspiration bleibt aus.
Viel habe ich zu dem Thema gelesen. Wie entsteht Kreativität,  wie kann man die erhalten. Was wenn sie ausbleibt?  Welche Fördermittel gibt es? Darüber ließe sich bücherweise referieren und dich wäre es nur eine Nacherzählung. Und davon gibt es in diesen Tagen mehr als genug. Sequel jagt Prequel jagt Reboot. Und so sehr ich die Superheldenmaschinerie auch mag, übermäßig originell ist sie nicht. Und sie raubt Platz für Erzählenswertes, Geschichten, die noch keiner gesehen, gehört oder gelesen hat. Vollkommen neue Ideen, frisch und unverbraucht.
Genau das versuche ich ebenfalls. Zu schreiben, was in mir vorgeht, was mich bewegt und vielleicht, so hoffe ich, ist etwas dabei, das andere Menschen berührt, sie erreicht und sogar inspiriert. Ein jähes Ziel, ganz ohne Frage, aber sollte das nicht Motivation und Anspruch eines jeden sein, der schreibt? Ich meine, was wären wir ohne Ziele? Blutleere Arbeitsroboter, die täglich ihrem Handwerk nachgehen, ganz ohne den Funken, der das Leben ausmacht. Das Streben nach mehr. Wo wäre die Natur ohne Ziele? Vermutlich nie über das Stadium des Einzellers hinausgekommen. War ja schließlich alles gut soweit.
Aber darum geht es hier nicht. Es geht um mich, meinen fehlenden kreativen Anstoß und die unsortierte Themenleere in meinem Kopf. Andere schafften über 270 Tage, also das Dreifache meiner bisherigen Leistung. Nun fühlt es sich etwas nach Versagen an. Was wenn all das vergebene Liebesmühe ist, ich gar kein Talent besitze und diese Übung keinen Effekt hat? Lohnt es sich weiter zu machen? Vermutlich!  Sicher!  Vielleicht?
Ein etwas anderer Ansatz wäre es doch, in meinen bisherigen Texten nach lösen Enden zu suchen, also Ansätzen und Ideen, die ich nie ausgeführt habe. Nicht einen dieser Texte, vor allem hier im Blog, habe ich nochmal gelesen. Nach dem Schreiben, beziehungsweise dem Überschreiten der magischen Grenze von 750 Wörtern, legte ich sie ab und archivierte sie. Mal abgesehen von einigen verirrten Lesern sind sie in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.
Und ich kenne das Wesen meines Denkens. Etappenweise, abgehackt, sprunghaft, ja fast ein wenig impulsiv. Da ist es doch nicht abwegig, dass einige Fragmente dabei sind, die ich näher ausführen sollte. Oder könnte, denn will die Aneinanderreihung von bedeutungslosen Worten überhaupt jemand lesen? In einer Zeit, wo jeder im Netz alles hat ausser Zeit zum Lesen? Kurze knackige Informationen, möglichst vereinfacht beschrieben, am besten bebildert. So sieht das Medium Internet in seiner genutzten Form aus. Alles ist möglich in der reichhaltigen Welt des Web; vollkommene Vernetzung in unendlicher Isolation. Jeder mit jedem aber immer alleine. Alles was wir seit Anbeginn der Menschheit wollten, war Zugehörigkeit und Geborgenheit. Was wir bekamen war Einsamkeit und ein Deckmantel der uns vormacht, wir wären nie alleine, stets in Begleitung. Jeder ist nur einen Klick entfernt, doch jeder Klick ist tausende Kilometer weit weg. Und so bleibt nur ein Gefühl und ein Wunsch. Beide falsch und ganz tief in uns, kennt ein jeder die Wahrheit. Doch wer würde es wagen sie zu offenbaren? Sich dem Pranger der gefühlten Öffentlichkeit aussetzen? Du? Ich? Wie so oft lautet die Antwort: keiner! Und vielleicht und das auch besser so.
Und so sitze ich in der Bahn, nicht wissend, wann die erlösende Inspiration, dass Quäntchen Genialität aus meinem Kopf sprudelt und sich durch meine Finger zunächst in Worte und später in einen lesenswerten Inhalt wandelt. Denn das ist es doch letztlich, was uns alle antreibt und motiviert weiter zu machen. Der Wunsch etwas zu bewegen, vielleicht sogar etwas verändern. Ob zum Besseren oder eben nicht sei mal dahin gestellt.
Mittlerweile ist die Bahnfahrt vorüber, die Gesichter fremder Menschen längst auf dem alltäglichen Weg zur Arbeitsstätte, alles umspielt von einem Grauschleier der Ödnis. Gelebte Eintönigkeit in seiner reinsten Form, denn alles ist wie immer, nur später. Nichts Neues winkt am Horizont, nichts, das den geplagten Mann emporzuheben vermag. Alles ist wie es war, wie es bleibt und wie es vermutlich immer sein wird. Selbst wenn es sich verändert. Grau in grau ruht die Stadt, die stetig lebt und doch fast tot scheint. Und mitten in ihr ich. Ein einfaches Individuum, frei in den Gedanken und gleichzeitig Sklave meines Anspruchs. Gepeinigt von meinem Willen etwas beizutragen, mehr zu sein als nur ich, ja, einfach etwas zu bewegen. Das zu sein, was niemand in mir sieht, niemand auch nur vermutet. Doch wie so oft vergeht der Gedanke, ebenso, wie es der graue Tag macht. Vorübergehend ohne sich ein letztes Mal umzusehen, Platz schaffend für das was kommt.

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