Eine Kurzgeschichte

Odinärer Sonntag

Alice saß nur da und fingerte vor ihrer Nase in der Luft herum. Ihr breites Grinsen verriet alles. „Siehst du die durchsichtigen Würmchen?“. Mifti dachte kurz darüber nach, ob sie darauf wirklich eingehen sollte, denn in der Tat sah sie gelegentlich Schlieren über ihre Augen laufen, die den kleinen Viechern verdächtig ähnelten. Aber Zustimmung würde vermutlich in einer Unterhaltung enden, für die sie eindeutig noch zu wenig breit war.
„Dein Ernst…“, schnaubte Mifti, die eigentlich Mareike hieß. Sie konnte nicht von sich behaupten diesen Namen wirklich doof zu finden, vielmehr passte er nicht zu ihrem Leben. Deswegen nahm sie mit Freuden den erstbesten Spitznamen an, der ihr verpasst wurde. Wenn auch nur als Schimpfwort von Kai, dem dicken, verzogenen Bonzenkind im Pollunder. Kais Eltern waren „akademische Millionäre“, der Vater schmieriger Anwalt und die Mutter organisierte Charity-Events bei denen zu reiche Snobs anderen reichen Snobs Geld gaben um ihr Gewissen zu beruhigen. Das sie mit dem Geld eben jene unterstützen, die sie für ihren Reichtum ausbeuten mussten interessierte sie nicht mehr. Nach dem Ausstellen des Checks, dem Verzehr unaussprechlicher Häppchen und dem dauerhaften Gegrinse sind die meisten froh wieder in ihre Penthouse Wohnungen in der Altstadt fahren zu können.
Kai wurde von seinen Eltern für Kreise erzogen, die kein Mensch besuchen sollte. Mit fünf war sein Berufswunsch nicht Astronaut oder Feuerwehrmann, sondern Broker. Damit wollte er sich dann eine bessere Yacht kaufen, als die seines Vaters. Er wollte von allem mehr als sein Vater. Größeres Haus, schnelleres Auto, mehr Kinder. Sogar eine attraktivere Sekretärin wünschte er sich. Ehrgeiz hatte Kai, ohne Frage. Nur war er bereits im Kindergarten so ein Arschloch, dass ihn keine leiden konnte. Seine einzige Haltung dazu war Diskriminierung. Und da kam ihm die rothaarige Mareike gerade recht, der selbstgestrickte ausgebeulte Pullover lud förmlich dazu ein. Auch wenn er es nie erfahren würde, war Mifti ihm auf ewig dankbar dafür.
„Es ist noch nicht mal 9 Uhr und du bist schon wieder völlig zu? Was stimmt denn nicht mit dir?“ Alice hob den Kopf, grinste und hielt den beinahe perfekt gerollten Joint in die Luft und atmete den blauen Dunst ganz langsam aus. Dann nickte sie in Richtung des Rauchs. Mifti griff nach kurzem Hadern zu und saugte kräftig an der Tüte. „Geht doch“, kicherte Alice und fiel rücklings auf ihr Lager aus Decken und Kissen. „Du solltest den Tag mehr genießen. Es ist wunderschönes Wetter, die Vögel singen. Und ich habe diese Würmchen entdeckt. Ich glaube ich gebe ihnen Namen. Was denkst du?“ „Das du sie nicht mehr alle hast“. Die Droge entfaltete nur sehr langsam ihre Wirkung, was Mifti mitten im Satz bemerkte. Sie war tatsächlich nicht entspannt. Dabei gab es wirklich so viel zu entdecken. Alice hatte Recht, der Tag war wunderschön. Wenn auch noch sehr früh für einen Sonntag, aber wach ist wach. Eine Zeit beobachtete sie zwei Tauben, die auf dem Rand des Nachbardaches saßen. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken jetzt beobachtet zu werden. Zwei kiffende, junge Frauen. Zerzaust und ungeduscht auf der Dachterrasse liegend, quasi auf dem Präsentierteller der Welt. Wenn ihr Chef sie jetzt sehen würde oder ihre Eltern. Sicher würde ihre Mutter wieder einen riesen Anfall bekommen, etwas von schlechter Erziehung und Kur schwafeln. Vorwurfsvoll mit dem Finger auf ihren Vater zeigen und dann in Tränen ausbrechen. Letztlich würde es auf Streit hinauslaufen. Zwischen ihren Eltern, denselben Streit mit denselben Argumenten und demselben Verlauf wie schon die letzten Jahrzehnte. Fast als wäre es zur Gewohnheit verkommen. Mifti mochte ihre Eltern, irgendwie.
„Was wolln wir denn heute machen?“, fragte Alice, die mittlerweile versuchte die Wolken zu streicheln. Dabei streckte sie ihre Arme so weit aus, dass es eher den Anschein erweckte als wollte Sie die Welt umarmen. Mifti gefiel dieser Gedanke. „Kein Plan, was Essen wär doch geil“, brabbelte sie grinsend. „Ich hab tierisch Bock auf Pfannkuchen, mit Zimt und Zucker. Und Apfelmus.“ Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.
„Kannst du denn welche? Und hast du eingekauft?“ Obwohl ihre Augen längst rot und ihr Verstand rosa waren, brachte Alice diese spezielle Form der Ernsthaftigkeit auf den Tisch. Nur wusste Mifti nie so recht ob sie das gut finden soll. Geknickt legte sie sich ebenfalls in das Kissenlager. „Wir können uns natürlich auch was bestellen, wenn du Geld hast. Ich hab keins. Weswegen müsste ich sonst hier wohnen.“ Sie kicherte, dann vertiefte sich das Gelächter und wurde lauter.
Mifti war nicht mehr nach Lachen. Sie befand sich in einer schwierigen Lage. Um mit Alice auf Augenhöhe zu bleiben hat sie zu wenig gekifft. Um einen geregelten Alltag ohne Albernheiten zu haben, war es aber schon zu viel. Noch bevor sie sich aller Konsequenzen dieser Misere bewusst war, steckte ihr ein weiterer Joint im Mund. Danke Gehirn, dachte sie und lehnte sich zurück um den Sonntag zu genießen, der eigentlich ein Dienstag war.

 

Basierend auf dem Satz:

Danach besuchte Mifti Alice, die desorientiert und kiffend auf ihrer Dachterrasse liegt.

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