Ich hasse mein Leben – Ein Zyniker sieht rot

„Nabend zusammen!“, rief ich genervt, während ich die Haustür vorsichtig aufstieß. Dabei balancierte ich zwei Alditüten und einen Karton Milch auf meinem Knie. Alles nur einen winzigen Hauch davon entfernt ein buntes Bild moderner Kunst auf dem schicken grünen Teppich abzugeben. Da ich nichts hörte, versuchte ich es erneut. „Nabend! Ich bin zuhause und könnte durchaus Hilfe gebrauchen.“ Mein Ton wurde schärfer. Ich hasste es, wenn diese faulen Säcke absichtlich so taten, als würden sie mich nicht hören. Nur weil sie keinen Bock hatten mir zu helfen. Wäre schließlich nicht das erste Mal. Ich fragte mich, wieso ich die beiden überhaupt bei mir wohnen ließ.

Arschlöcher…

Auf dem kurzen Weg in die Küche rammte ich mir den Fuß am Türrahmen. Und zwar mit Schmackes. So richtig schön den großen Onkel in die Kante gehauen. Vor Schreck jaulte ich laut auf, lies die Tüten unsanft fallen und verfluchte Gottheiten, an die ich nicht glaubte. „So eine verfickte Scheiße. Ich dreh durch.“ Aus einer der Tüten war ein hässliches Knirschen, auf das ein lautes Schmatzen folgte. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. „Verflucht nochmal.“ Und dann noch ein paar unverständliche Wortfetzen hinterher. Ich hüpfte auf dem noch heilen Fuß umher, während ich versuchte die restlichen Einkäufe bei minus behalten. Vergeblich . Eine Milchtüte löste sich aus der ohnehin schlecht verbauten Konstruktion und klatschte mir erst auf den Fuß, dann auf den Boden.

Argh!!!!

Während leise die weiße Flüssigkeit aus dem Karton plätscherte und auch der Rest der Einkäufe den Duft der Freiheit atmen wollen, fragte ich mich, wie hoch wohl die Chancen dafür standen, dass eine Tüte aus dieser Höhe ohne Schwung auf Teppich derartig aufplatzt, dass die Spritzer überall in der Küche zu finden waren. Enttäuscht und frustriert setzte ich mich auf den Boden. Natürlich landete ich dabei genau in der dunklen Pfütze, die sich um die Milch gebildet hat. „Yay!“, sagte ich leise zu mir und legte den Kopf auf die Knie. Das war es dann wohl mit dem Abendessen!

Manchmal hasste ich mein Leben. Meistens an Tagen, wie diesen; Tage die mit einem Arschtritt beginnen und einem deftigen Schlag in die Magengrube aufhören. Ich hatte heute bereits genug Stress auf der Arbeit. Kundenservicehotline für Lebensversicherungen, der wohl entwürdigenste Job der Welt. Denn eigentlich machte ich nichts anderes als mich ständig anpöbeln zu lassen, für Dinge, die ich nicht verbrochen habe. Beispielsweise rief mich eine Kundin an um mir zu sagen, dass ich die Ausbildung ihres Sohnes verzockt hätte. Meine Jacht wäre der Grund, wieso er keinen guten Job finden würde. Sie schrie, kreischte und jammerte. Von Zeit zu Zeit ließ sie ein seichtes Schniefen hören, dass umgehend von einer Welle aus Schimpfworten abgelöst wurde. „Hören Sie,“ fing ich an, „nehmen wir einfach mal an, sie haben Recht. Nehmen wir an, ich habe die Kohle ihres Sohnes verzockt und in eine Jacht gesteckt. Meinen Sie nicht auch, dass ich dann einen anderen Job machen würde als mich von Kunden beschimpfen zu lassen? Sind sie nicht auch der Meinung, dass es bessere Wege gibt Geld zu verdienen? Bei denen man Menschlichkeit und Würde noch achtet?“ Sie schwieg. „Ich will mal ganz ehrlich zu ihnen sein.“, fuhr ich fort. „Wir wurden beide betrogen. Denn von dem Geld, dass sie nicht mehr haben, habe ich jetzt auch nichts. Und dass obwohl ich mir von Ihnen genau das vorwerfen lasse. Wie finden Sie das?“ Sie schwieg weiter. Statt etwas zu sagen, schnaubte sie nur übertrieben laut in die Hörmuschel. „Haben Sie das verstanden?“, wollte ich wissen. Doch sie behielt es sich vor nicht zu antworten. „Nun, ich biete ihnen folgendes an. Ich gebe ihnen die Anschrift meines Chefs, sie fahren hin und holen sich ihr Geld zurück. Wie finden Sie das?“

Stille

„Mehr kann ich ihnen wirklich nicht anbieten. Also, er wohnt in der Rabenstraße 23 in Hamburg. 2. Stock, bei Ottmayer.“ Noch während ich breit grinsend weiterredete, sah ich meinen Chef. Hinter mir. Und was er tat war nur entfernt mit einem Lächeln zu beschreiben.

Ich hasse mein Leben

Und nun saß ich da, Gefahr laufend, demnächst Quark im Hosenbein zu erzeugen und fühlte mich furchtbar. „Wa… Wa… Was… iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiisssssssssssst de-de-denn loooooooooooooooos?“ Günther betrat den Flur. Langsam. Sehr, sehr langsam. „Häh?“, entgegnete ich durch meine Knie ohne den Kopf anzuheben. „Wa-wa-wa-wa-…“ „Was hier passiert ist?“, unterbrach ich ihn genervt. Ich war heute nicht in der Stimmung für diese Unterhaltungen. Meine Nerven lagen blank und meine Geduld war am Ende. Beides hätte ich für ein Gespräch mit Günther, meinem Mitbewohner, gebraucht. Allem vorran, weil mein Gegenüber neben seinem Stottern auch noch derart lahm sprach, dass Blumen parallel verwelken würden, ehe er einen Satz zu beenden versucht. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, sonst liebe ich unsere Unterhaltungen samt ihrem Tiefgang, nur eben nicht heute. Hier und jetzt, tief in leicht angetrockneter Milch sitzend.
Nicht mein bester Tag, das erwähnte ich ja bereits. „J-j-j-j-ja genau!“

„Ich komm hier rein, völlig überladen, rufe um Hilfe und was denkst du passiert, huh?“ Schweigen. Seine schrumpelligen Augen sagten Alles. Verlegen blickte er auf den Teppich, wo sich aus einer Tüte ein feines Rinnsaal aus Schoko – Himbeer-Eis bildete.
„Hab ich mir gedacht! Meine beiden Mitbewohner, ach was sag ich, die beiden, die bei mir wohnen dürfen, weil ich ein großmütiger und netter Kerl bin, ignorieren mich einfach. Der Rest ist eine Mischung aus mangelndem Geschick und unglücklichen Zufällen.“ Die aufgeplatzte Milchtüte gluckste, dann ergoss sich auch der letzte Rest über dem Teppich. „Och Kinder, was ist denn hier schon wieder passiert?“ grunzt es aus dem Off. Ich blicke mich um, konnte aber niemanden sehen, auch wenn ich genau wusste, wem die Stimme gehörte. „Was für eine Sauerei das schon wieder ist… Dabei hab ich die Küche doch gestern erst geputzt.“ Kopfschüttelnd stapfte Hans um die Ecke und starrte mich verächtlich an. „Gestern?“, fragte ich ironisch, wissend, dass ich die Küche gestern geputzt habe und er nur korrigierte und Anweisungen gab. „Es reicht wohl nicht, dass du hier reinplatzt, als wärst du Heidi Klum auf neuen Stilletos, nein, dann musst du auch noch lautstark kreischen wie ein Mädchen, weil du dir dein zartes Füßchen stößt.“ Er schüttelte verständnislos den runden Kopf. „Du wohnst hier nicht alleine, mein Lieber. Ist dir das bewusst?“ Dabei hielt er sich einen Huf an die Stirn und seufzte. „Ich brauche doch meinen Schönheitsschlaf!“

Ich rollte die Augen. Diesen Vortrag hatte ich schon unzählige Male gehört. Und war ihn leid. „Du bist ein Schwein.“, entgegnete ich. „Du brauchst keinen Schönheitsschlaf.“ „Oder er hilft nicht!“ fügte ich in Gedanken hinzu. Hans riss die kleinen Knopfaugen auf und versuchte zu knurren. Heraus kam aber nicht mehr als ein Grunzen und heiße Luft. „Das nimmst du sofort zurück!“ Dann rümpfte er die Nase und tippelte zurück in sein Zimmer. „Ich mach das jedenfalls nicht weg. Nur das du’s weißt! “ Damit hämmerte er seine Tür zu. Kurz darauf war lediglich ein dumpfes Schluchzen zu vernehmen. Fast gleichzeitig schüttelten Günther und ich den Kopf. Wahrscheinlich dachten wir sogar dasselbe, schließlich war es nicht das erste Mal, dass so etwas passierte.

„U-U-Unfasssbar!“, mampfte er und machte  allmählich kehrt. „Wohl wahr! Wohl wahr.“ Und dann mehr zu mir als zu ihm: „Ich mach das dann alleine weg?“ Allerdings war er schon wieder im Wohnzimmer verschwunden. „Typisch!“, dachte ich mürrisch und raffte mich auf. Obwohl mein Fuß pulsierte, als würde er nur auf den richtigen Moment zum Platzen warten, machte ich mich daran, dass Chaos zu beseitigen, den Milchfleck bestmöglich trockenzulegen und nicht länger daran zu denken, was für Mitbewohner ich doch hatte.

Etwas später lagen Günther und ich auf der Couch und zappten stumpf durchs Programm. „Nichts. Nichts. Nichts. Weiter. Nächster. Weiter…“, murmelte ich, während mein Daumen in stetig gleicher Frequenz die kleine gelbe Taste auf der Fernbedienung drückte. Ich wollte es nicht zugeben, aber ich schaute längst nicht mehr darauf, was lief. Stattdessen drückte ich die bunten Bildchen pauschal einfach weg. Günther widersprach nie, also nahm ich an, dass er ebenfalls kein Interesse an einem bestimmten Programm hatte. „Worauf hast du denn eigentlich Lust?“, fragte ich in die Stille. Gemächlich drehte er den Kopf zu mir, blinzelte in einer Geschwindigkeit, dass ich zunächst davon ausging, dass er einschlafen würde. „W-W-W-W-Weiß nicht. B-B-B-B-Buch?“

Ihm ging sein Stottern selbst auf den Keks, weswegen er immer dann, wenn er überhaupt keine Lust hatte zu reden nicht mehr sagte, als nötig. „Du willst was lesen? Echt jetzt?“, erwiderte ich. „Ich nehme mal an, du meinst nicht die Facebook-Timeline.“ Ich atmete tief durch und schnitt Günther seine noch unausgesprochene Frage ab. „Schon gut! War nur ein Scherz. Aber ein Buch… ich weiß ja nicht.“ Ich wusste schon, aber das wollte ich nicht zugeben. Lesen lag mir nicht. Fast 30 Jahre mediale Unterhaltung zerstörten meine Fähigkeit mir Dinge vorzustellen komplett. Das ging so weit, dass ich lediglich Bücher las, bei denen ich die Verfilmung bereits gesehen hatte. Fantasie war da nicht mehr nötig, Erinnerungen reichten völlig aus.

Mir lag der Gedanke fern, dass ich meinen Abend vor einem toten Baum mit Druckerschwärze verbringen sollte. „Etwas Bildung würde dir nicht schaden.“ In mir stieg Wut auf. Plötzlich hasste ich das alte Reptil. Zum einen, weil er die unnötigen Sätze schnell und ohne Stottern herausbrachte, zum anderen, weil er recht hatte. Ich konnte Bildung gebrauchen. Schon seit Jahren hatte ich keine Nachrichten mehr gelesen oder eine Zeitung in der Hand gehabt. Außer um witzige Drohbriefe an meine Nachbarn zu schreiben. Dafür schnitt ich verschiedene Buchstaben aus und klebte sie auf einen Zettel. Ich hielt mich dabei für unfassbar kreativ und witzig. Einer meiner Briefe sah so aus:

Hallo Herr Meyer,

ich finde es bemerkenswert, dass sie gerne in den Klamotten ihrer Frau einkaufen gehen, aber bitte ziehen sie sich beim nächsten Mal Unterwäsche an.

Danke

Adressiert natürlich an Frau Meyer!

Ich liebte es Streitigkeiten zu entfachen. Dank der dünnen Wände hier im Haus, konnte ich beinahe allen Unterhaltungen folgen, ohne das die Nachbarn es merkten. Traumhaft. Manchmal machten wir daraus eine Wg-Veranstaltung. Günther mampfte wahlweise Salat oder altes Brot, Hans hingegen Chips, bizarrer Weise am liebsten mit Baconaroma, aber hey, wer würde da urteilen.
Über die Jahre hatte ich allerlei Absurditäten miterlebt, was kümmerte mich da der Hauch von Kannibalismus aus der Tüte?
Hans blieb den ganzen Abend in seinem Zimmer. Wahrscheinlich war er immer noch beleidigt. „Mir egal. Der kriegt sich schon wieder ein“, dachte ich und sah mich augenblicklich wieder mit meinem eigenen Problem konfrontiert. Bücher
Es war mir unangenehm, denn Günther hatte absolut recht. Ich verwahrloste geistig vollkommen. Selbst einfachste Dinge begannen mit anzustrengen, selbst meine Faulheit nahm immer weiter zu. Wenn sich ein Begriff oder eine Erklärung nicht auf Anhieb googlen ließ, war sie nicht wichtig genug. Weitere Nachforschungen strebte ich nicht an, ganz im Gegenteil. Manchmal vergaß ich auf halber Strecke, was ich eigentlich wissen wollte. Also schaute ich fast schon automatisch bei Facebook nach. Dort scrollte ich dann ein bis zwei Stunden durch die Timeline ohne auch nur einen Beitrag zu lesen oder gar zu öffnen. Schrecklich.
In einem Anflug von heroischer Selbstüberschätzung sprang ich von der Couch auf. „Es wird Zeit, dass sich etwas ändert. Schluss mit der Faulheit, Schluss mit dem Rumgehocke und vor allem Schluss mit dem dreckigen Fernseher! “ Wutentbrannt sprang ich auf, hechtete zum bunten Flimmerkasten und packte ihn an den Ecken, als wollte ich ihn anheben. „Mach die Tür auf, das Teil fliegt jetzt raus!“ Günther war sichtlich perplex und schaute mich nur ungläubig an. Dann rollte er die Augen und stieß einen vielsagenden Seufzer aus. „Wirklich?“, zischte er. „Du erwägst also allen Ernstes die Beendigung deiner vielversprechenden Fernsehkarriere durch das martialische Entsorgen des Endgerätes?“ Darüber musste ich nachdenken. Wie immer eigentlich, wenn er derart eloquent daher kam, denn wie immer hatte ich kein Wort verstanden. „Häh?“, blaffte ich zurück. Erst jetzt fiel mir auf, wie schwer der Fernseher war. Mit knallrotem Kopf ließ ich den 50″er fallen, wo er ein lautes Knacken von sich gab. „Uhh…“, dachte ich und sog kräftig durch den spitzen Mund. „Das klang hässlich!“
Es dauerte nicht lange, bis die bislang verschlossene Tür zu Hans sich öffnete und ein einsamer Schweinekopf heraus lugte. Er rümpfte den Rüssel, als könnte er der Luft etwas entnehmen, dass niemand sonst bemerken würde. „Was ist hier los? Warum der Krach? Seid ihr noch ganz dicht?“
Entnervt zuckte ich mit den Achseln, während Günther lediglich den Kopf schüttelte. Den Blick auf den Boden gerichtet, sagte er: „Es ist nichts von Belang. Der Spinner hatte nen Anflug von Selbstverwirklichung und wollte sich des Fernsehers entledigen. Seine schwache Brust ließ er dabei gänzlich außer acht.“ Dann formte sein runzeliger, kleiner Kopf ein schelmisches Grinsen. Sicher kam er sich gerade super schlagfertig vor.
„Oh mein Gott!“, krakelte Hans, wobei er das ‚O‘ besonders in die Länge zog. „Was ist das nur für ein Kerl… Ständig etwas neues in Der Birne…“
Vor meinem inneren Auge stellte sich der rosa Vierbeiner auf und stemmte sich einen Huf in die speckige Hüfte. Er redete wie eine dieser Model-Anwärterinnen, die sich benehmen, als wären sie längst reich und berühmt. Hans trug zwar keine Schminke, aber das war für den Eindruck auch nicht notwendig.
„Macht nur so weiter! Macht nur so weiter!“ Grummelig drehte ich mich um. „Ihr seid mir ja ein schöner Haufen Freunde. Könntet mir zur Seite stehen, mich bei meinem Lebenswandel unterstützen, aber nein, ihr mault nur rum und macht euch lustig. Klasse. Genau sowas wünscht man sich. Ernsthaft.“ Zwar konnte ich mich dabei nicht sehen, aber ich bin mir sicher, dass ich männlich die Augenbrauen hochzog.

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