Im Sog des Bekannten…

Ist es nicht bezeichnend, wie wir die Ferne herbei sehnen,  jedoch das Bekannte suchen? Der Reiz des Unbekannten, zu entdecken, was noch keiner zuvor sah, zu betreten, was nie betreten wurde. Wie oft lockt eine fremde Kultur mit aufregenden Bräuchen, die ungeahnte Gefühle in uns wecken könnten? Neue Geschmäcker, spannende Klänge als auch nie dagewesene Erfahrungen, die aufgeregt am Horizont winkend verweilen, nur darauf wartend endlich von uns ergriffen und erlebt zu werden. Dieser Reiz, ja, dieser süßlich klingende Ruf aus der Ferne und der Wunsch ihm zu erliegen… All das wohnt uns inne, treibt uns an und bestimmt uns.
Irgendwie.

Denn wenn es darum geht, Idealismus in Taten umzuwandeln,  hinauszuziehen in die Welt um Bekanntes durch die spannende Fremde zu ersetzen, wird es schwieriger. Müßig der Weg und steinig, selten absehbar ist das Ziel. Denn der Reiz zeigt uns lediglich eine Idee, eine vage Vorstellung dessen, was wir uns wünschen.  Die Ungewissheit ist Fluch und Segen zugleich; sie polarisiert,  zieht uns an und stößt in gleichem Maße ab. Ich glaube, dass der Wunsch nach Veränderung das Resultat einer kaum lösbaren Unzufriedenheit ist, denn nicht selten verbinden wir mit einem Wechsel der Umgebung, dem Job, Partner oder was auch immer wir wechseln können, eine Verbesserung. Und nach nicht weniger strebt die Menschheit seit Jahrtausenden. Stetige Verbesserung um unsere Spezies im darwinistischen Gedanken zu erhalten.

Ist es dann gegen den Fortschritt, sich der Fremde zu entziehen? Sich nicht willkürlich in Wagnisse und Abenteuer zu begeben und stattdessen der Bequemlichkeit des Bekannten hinzugeben? Macht es das einfacher? Wirft mich das menschlich zurück? Stehe ich mir damit selbst im Weg?

All diese Fragen kursierten mir in den letzten Tagen häufiger Mal durch den Kopf, denn ich war im Begriff all das zu tun. Dem „Abenteuer“ des Fremden Arbeitsmarktes entsagen um zu einem Arbeitgeber zurückzukehren, den ich damals aus diversen Gründen verlassen hatte. Würde ich meine Integrität verraten? Mit jedem Tag, den der heutige näher rückte, schlief ich schlechter. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und irgendwo waberte eine Stimme in mir umher, die stets daran erinnerte, weswegen ich das Unternehmen verlassen hatte. Neben vielen Fragen hatte ich vor allem eins: keine Antworten.

Ich würde es ausprobieren müssen, den Schritt wagen und sehen, was sich ergibt, dachte ich mir immer wieder. Denn nichts und niemand würde eine Antwort parat haben, die meine Fragen, die tief in mir verborgen lagen, zu meiner Zufriedenheit beantworten könnte. Und so sehnte ich mich wehmütig einer Ferne entgegen, die eigentlich in der bereits bekannten Welt lag. Einer Firma, die ich anders verlassen hatte. Denn damals war ich ein anderer. Unreif, unerfahren, ängstlich. Kaum mutig genug, meine Bedürfnisse und Ängste zu formulieren. An meinem Abgang stimmte mich lediglich der Verlust der wunderbaren Kollegen traurig, denn jeder einzelne ist mir auf seine Weise ans Herz gewachsen.

Doch auch die besagte Firma hat sich gewandelt. Kaum wiederzuerkennen und irgendwie surreal, denn sie wirkte auf mich wie eine neue im alten Gewand. Da waren die bekannten Chefs, Kollegen, Büroräume, aber etwas war anders. Ich kann nicht sagen ob es die Stimmung oder meine Einstellung war. Jedoch kam mir alles fremd und vertraut zugleich vor. Denn da waren die Kollegen, die ich in den Jahren zuvor schmerzlich vermissen musste. Kollegen mit denen ich über 3 Jahre sporadischen Kontakt hielt, was in unserer schnelllebigen Zeit keineswegs einfach ist. Selbst die Bürostühle und Schreibtische hatten einen nostalgischen Flair, ohne jedoch alt und verbraucht zu wirken. Wie ich schon sagte, ein merkwürdiges Gefühl.

Ist es also ein Rückschritt? Hintere ich mich selbst daran, an meinen Aufgaben und Herausforderungen, die das Leben bietet, zu wachsen? Ich denke nicht. Denn 3 Jahre sind eine lange Zeit. Jahre in denen sowohl die Firma, als auch ich Erfahrungen machen konnten, die letztlich dazu führten, dass wir nicht länger sein müssen, wer wir waren. Alles verändert sich, denn auch das ist der Verlauf der Dinge. Was bleibt wie es ist, stirbt. Irgendwann. Denn alles ist gezwungen sich an die Umgebung, das Umfeld und die Bedingungen anzupassen. Nur so kann das Überleben gesichert werden.

Und nichts anderes habe ich in den letzten Jahren getan. Ich war draußen in der Ferne, habe eine andere Welt erfahren, ihren süßlichen Duft genossen und erlebt, sah ihre verborgenen Geheimnisse und Schatten. Jede Erfahrung, jedes Leid und alle Eindrücke formten mich zu dem Menschen, der ich jetzt bin. Sie machten mich reifer und lassen mich auf eine positive Zukunft blicken.

Denn seit heute bin ich davon überzeugt, dass es keine Rückschritte gibt. Nur Entscheidungen, die aus den falschen Gründen getroffen werden. Und das habe ich nicht.

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