Eine (Heim-)Reise durch meinen Kopf

Der Tag neigt sich seinem verdienten Ende, das lange Wochenende lugt schon neugierig um die Ecke und ein jeder eilt eifrig umher. Manche wollen nur schnell nach Hause zu ihren liebsten, wo sie sich in die Arme schließen und liebkosen, dabei stetig die anstehenden Verabredungen zu diversen Essen, Bruchs und Kaffee – Kuchen-Hybriden im Hinterkopf.
Andere hingegen bleiben planlos und ungebunden , lediglich hoffend, dass das Wetter endlich anfängt sich wie ein echter Frühling zu benehmen.
Sie alle teilen sich den Heimweg mit mir und ich sehe, wie sie alle die Fahrt vollkommen unterschiedlich gestalten. Denn längst nicht jeder steht einfach nur so rum und gafft. Nein, vielmehr zeichnen sich diverse Typen ab, die beinahe so vielfältig sind, wie verschiedene Persönlichkeit existieren.

Da wären zum einen die Unterhalter, nervige, meist auffallend junge Menschen, die bewusst alles daran setzen entdeckt zu werden. Hier ist ganz eindeutig jedes Mittel recht, denn wenn es übertrieben laute Musik aus miserablen Handykopfhörern nicht mehr tut, dann muss eine laute Unterhaltung samt überzogenem Gelächter her. Wer nicht reagiert, muss überzeugt werden. Egal wie.

Dann wären da die Platznomaden, die sich mit aller Gewalt in einen zu drei Vierteln besetzten Vierersitz quetschen. Natürlich samt Koffer, Tasche, Zeitung und Kaffeebecher. Neben der absolut dreisten Sitzplatzergreifung, machen sie sich auch mit jeder Minute breiter. Die Konkurrenz wird mittels kleiner Stupser und körperlicher Annäherung, also dem größten Übel des gemeinen Bahnfahrers, strategisch entsorgt.

Gern gesehen ist auch der Wichtige. Er kommt in vielerlei Gestalt daher, denn nicht nur der Schlipsträger, der nervös den Blick zwischen Ipad und IPhone abwechselt, sondern beispielsweise auch in Form des Studenten, der seiner Umwelt (wahlweise Live oder am Telefon) alles zu seinen unglaublich stressigen Alltag verkündet. Nichts klappt einfach, alles ist schwierig und noch viel wichtiger, niemand wird seine Probleme je ganz verstehen können. Dann wären da noch die Leser. Vollkommen abwesend starren sie auf das beschriftete Endmedium. Buch, Zeitung, Zeitschrift, Ebook, Zeitschrift oder die Facebook -Timeline. Einfach alles ist ansprechender als der Blick auf die Mitmenschen. Sie nehmen ihre Umwelt kaum wahr und ignorieren Sie auch nicht selten bewusst.

Des Weiteren gibt es noch Touristen, also Menschen, die jede Haltestelle genau begutachten, in Euphorie schwelgen, sich ständig den Fahrplan ansehen um auch wirklich immer genau zu wissen, wo man sich befindet. Traurig wird es, wenn Touristen keine Fremden sind, die ihre erste abenteuerliche Reise mit der Bahn bestreiten, sondern Ansässige, die seit Jahren hier leben. Leute von denen man meinen sollte, sie kennen sich aus. Dich es gibt sie und ich kann mich da nicht ausnehmen, denn da gibt es Bahnlinien, die ich selbst nach 12 Jahren nicht begreife. Aber das ist ein anderes Thema.
Mittlerweile bin ich angekommen, der fahrenden Varieté des Feierabends entkommen und warte auf meinen Bus, den ich natürlich verpasst habe. Wie immer. Selbst wenn ich pünktlich bin, komme ich zu spät. Ein Schicksal dem ich wohl kaum entrinnen kann, ist es doch über die Jahre zu einer festen Charaktereigenschaft geworden.
Immer wieder stelle ich mir vor, wie es bei Personalbeschreibungen aussehen mag, wenn ich anführe, dass ich aufrichtig, ehrlich, fleißig und chronisch unpünktlich bin. Macht sicher keinen guten Eindruck. Obwohl das Gesicht des Personalers sicher sehenswert wäre. Aber es entspricht nun mal der Wahrheit. Auch wenn ich glaube, niemand auch nur das geringste Interesse an daran hat. Die Verdrehung der Realität zu unseren Gunsten ist irgendwo tief in uns verankert. Wir kleiden uns um ein bestimmtes Ich zu verkörpern, Frauen schminken sich eine Wahrheit ins Gesicht die zeigt was sie sein wollen, aber nicht sind. Sind das nicht auch lügen? Simple Halbwahrheiten ohne echten Auswirkung, aber eben nicht wahr.
Ganz ähnlich ist es doch mit unserem Verhalten, dass wir je nach Situation anpassen. Vor Chefs zeigen wir andere Charakterzüge, als bei Freunden. Und manchmal behalten wir die Maske auch auf, wenn wir alleine sind mit dem größten Feind der Wahrheit, nämlich uns selbst. Aber vielleicht sehen ich das alles auch zu krass und engstirnig. Vllt ist lügen und Anpassung ein Teil der menschlichen Natur und relevant.
Aber ich schweife ab. Den Bus hätte ich natürlich auch übergehen können, schließlich wäre der Weg auch zu Fuß machbar gewesen, aber als Mensch des 21. Jahrhunderts ist zu Fuß gehen schlichtweg keine Option. Deswegen warte ich lieber zwanzig Minuten auf den nächsten.
Sitze da, beobachte die Menschen, wie sie umher rennen, sich um die letzten Einkäufe kümmern und hoffen, die nächsten 4 Tage nicht dem Hungertod zu erliegen. Noch so eine Unart, die sich vor Feiertagen breit macht. Die banale Panik nicht genug zu essen im Haus zu haben. Danke Kapitalismus! In diesem Sinne, frohe Ostern!

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