Sand im Kaffee

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Der fahle Geschmack in seinem Mund war keine Hilfe. Zu gerne hätte er all das mit einem kühlen Schluck Bier vergessen. All das. Die Sonne, den Weg, seinen Hunger. Einfach zusammen mit dem vermutlich besten Weizenbräu seines Lebens verzehrt. Am liebsten in seiner Stammbar. Marty vom Tresen hätte ihn sicher schon beim Reinkommen bemerkt und angefangen zu zapfen. Er liebte es derart zuvorkommend zu wirken und genoss jedes einzelne Mal. Doch daraus wurde nichts. Marty, die Bar und alles anderes, dass auch nur im Ansatz etwas Trinkbarem gleichkam waren meilenweit weg.

Brad blickte sich mit verkniffenen Augen um und stellte mit Bedauern fest, dass sich der Anblick seit Stunden nicht änderte. Sand links, Sand rechts, vor ihm und hinter ihm ebenfalls Sand. Die einzige Abweichung in diesem monotonen Bild waren vereinzelte Dünen. Wie zum Teufel bin ich hier hergekommen? Sein Magen grummelte und flehte um etwas zu Essen. Brad spürte, wie ihm die Kräfte entschwanden.

„Konzentrier dich“, dachte er. „Wieso bin ich hier. Und wo ist hier?“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dem Stand der Sonne nach, musste es gegen Mittag sein. Sie brannte unerbittlich auf ihn herab. Dieser Ort ist nicht für Menschen geschaffen.“ Ich gehöre hier nicht hin“, befand er. Die Gedanken an seine Vergangenheit waren vernebelt und ihm kamen nur einzelne Fragmente bekannt vor. „Was ist passiert.“, fragte er laut. Noch während er zu Ende sprach, befiel ihn Unbehagen. Selbstgespräche? So weit wollte er es nicht kommen lassen. Der einzige, der wirklich immer zu sich selbst sprach war der bekloppte, den er aus der U-Bahn kannte. Er stieg jeden Morgen kurz nach Brad in die Bahn ein. Immer um Viertel nach 7, trug stets dieselben Klamotten und stammelte wirres Zeug vor sich hin. Meistens war er kaum zu verstehen, aber eines Tages stand Brad zufällig in Hörweite. Zwar waren die Worte jetzt verständlich, ihre Bedeutung war es nicht. Irgendwas über andere Sphären, Dimensionswandler und eine echte Welt hinter dem Spiegel. Vermutlich verbrachte er nicht umsonst die meiste Zeit alleine und Brad war schon geneigt das Gerede als Spinnerei abzutun. Doch dann sah der offensichtlich Verwirrte ihm direkt in die Augen. „Auch dich werden sie holen. Wirst schon sehen.“ Dann stieg er aus. Als die Türen sich schlossen, formten seine Lippen noch ein Wort, das nicht mehr hörbar war. Brad verstand es nicht.

Er schmunzelte ernst. Hat der Spinner wohl Recht behalten. Haben sie mich letztlich bekommen. Verdammte Scheiße. Seine Gedanken liefen im Kreis. Irgendwo zwischen Hunger, unsäglichem Durst und dem Schmerz in seinem Bein kamen einzelne Bilder zum Vorschein, die ihm neu vorkamen. Hatte er das erlebt? Aber wieso kannte er die Personen nicht? So viele fremde Gesichter… Brad sackte zusammen und schlug die Fäuste in den Sand. Er wollte weinen, aber sein dehydrierter Körper ließ ihn nicht. Sein Geist war gebrochen, seine Muskeln am Ende der Belastbarkeit. Er konnte nicht mehr. Sein Magen krampfte und zuckte, die trockene Kehle schmerzte. Durch seine Adern floss längst kein Blut mehr, sondern roter Pudding.

Wie ein Sack fiel er auf den Bauch, nur noch knapp bei Bewusstsein. „Ich muss weiter, sonst gehe ich hier zu Grunde. Dann haben sie gewonnen. Wenn ich nur…“ Der Gedanke wurde durch ein Bild vor seinem inneren Auge unterbrochen. Bell. Sie war das Licht seines Lebens, die Frau, die ihn am Leben hielt. Er lächelte schwach. Sie brachte ihn immer zum Lächeln. Nur durch ihre Art, wie sie ein Buch las, wie sie die Welt erkundete. Annabell war eine dieser Frauen, die Alles spannend und interessant fand. So konnte sie sich stundenlang durch die Straßen der Stadt tänzeln und Leute beobachten, die Luft atmen und den Klängen lauschen. Sie war unbeschreiblich. Zumindest empfand Brad es immer so, denn er konnte ihr Wesen mit Worten nicht erfassen. Er begriff ja nicht mal wieso sie sich mit ihm abgab.

Brad kam telefonierend aus einem kleinen Eckcafé , in der Hand seinen Karamelllatte, wie jeden Morgen. Annabell tänzelte wie so oft fasziniert durch die Straßen und rempelte den ebenfalls unaufmerksamen Brad rücklings an. Er versuchte zwar im letzten Moment noch auszuweichen, indem er einen Schritt zurück trat, lief so aber direkt in ein vorbeibrausendes Fahrrad. Der Fahrer des Rades hingegen konnte nicht mehr ausweichen und krachte mit voller Wucht in Brad. Der Becher flog in hohem Bogen durch die Luft und klatschte etwas entfernt einer Hundedame vor die Pfoten. Brad tat es ihm gleich und fiel unsanft auf den Rücken. Der Radfahrer landete fluchend samt seinem Rad auf ihm.

Obwohl die Szenerie nur Sekunden andauerte, schaute sie begeistert zu. Es verging eine kleine Weile, ehe sie sich besann und den gestürzten Männern ihre Hilfe anbot. Der Radfahrer stieg grummelnd wieder auf und fuhr fluchend davon. Brad und Bell hingegen blickten sich in die Augen und sprachen kein Wort miteinander. Beide lächelten und gingen einen neuen Kaffee holen. Dieser Kaffee sollte für beide der Beginn der schönsten Jahre ihres Lebens werden und mit dem plötzlichen Unfalltod Bells enden.

„Ich komme zu dir meine Liebe. Mein Leben, mein Alles. Bell….“. Brad schloss die Augen ein letztes Mal. Lächelnd und in Gedanken an Kaffee.

Basierend auf dem Satz:

Sein Magen knurrte und er fühlte sich mit jedem Schritt matter.

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