Statistisch gesehen…

Ein aufregender Tag neigt sich dem Ende. Ob ich demnächst als aufstrebendender Filmstar bekannt werde, zweifle ich zwar an, doch das eine oder andere Körperteil stellte ich heute für eine ZDF Produktion zur Verfügung.
Gemeinsam mit meiner liebsten und der besten, durfte ich mich zu früher Stunde ausgehfertig machen. Komisches Gefühl auf einen Mittwoch Morgen, authentisches Diskofeeling zu erzeugen. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich vereinzelt Samstag abends Probleme damit habe…
Aber was tut man nicht alles. Deswegen bastelte ich mich heute morgen um acht in das stylischste Kleidungsstück, das mein Schrank hergab und machte mich auf den weg. Verwunderte Blicke inklusive.
An der Lokalität; eine Edeldisko in Hamburg, angekommen, überkam mich ein ungewohnt beklemmendes Gefühl. Der Wartebereich war nach Geschlechtern getrennt und mündete in einem Umstyling. Nicht das ich mir keine Mühe gegeben habe, aber die Frau mit den lustigen Kostümideen war anderer Meinung. Also gab sie mir ein Shirt, das mir locker zweimal gepasst hätte, aber wer will sich da beschweren. Viele Menschen sind schon nicht mein Fall, viele neue Menschen erst recht nicht… Und davon gab es heute reichlich. Typen verschiedenster Klientel, vom profilneurotischen Veganer bis zum schüchternen Maurer war eigentlich alles vertreten. Und ich mittendrin; schüchtern, planlos und heillos überfordert. Aber was tut man nicht alles…
Kaum hatte ich das Martyrium des Umstylings überwunden, schon brach das nächste Elend über mich herein. In Form eines aufgedrehten Medizinstudenten mit übermäßigem Mittelungsbedürfns. Binnen zwei Minuten kannte ich seine Lebensgeschichte, seine Zukunftspläne und den tieferen Sinn hinter seiner Studium. Aber seine eigentliche Passion sei das Arbeiten als Komparse. Diverse Drehs hatte er schon professionell gelöst, er kennt die sich Systeme und die meisten Leute hier sowieso. Etwas verwundert war ich darüber, daß er nicht mit dem Finger auf erfolgreiche bettgeschichten zeigte. So als Komparse ist man sicher beliebt bei den Chicks, dachte ich und hörte auf dem Geachwafel des Halbtürken vor mir zu lauschen. Und egal was er noch sagte, der Zyniker in meinem Kopf betonte immer wieder, was für ein krasser Kerl er doch war.
Wir wurden gebeten, eine kleine Auswahl an Wechselklamotten mitzubringen, für den Fall, dass wir nicht cool genug aussehen. In meinem Fall half das aber auch nichts und das obwohl ich stolz eine H&M-Tüte mit meinen besten Sachen am Start hatte. 3 Shirt, eine Weste und zwei Schals. Mit Unmengen Schmuck war ich ja bereits ausgerüstet. Half aber nix, etwas geliehenes musste her. Cihan, der Medizinstudent, hingegen reiste direkt mit einer kleinen Auswahl in Form eines kühlschrankgroßen Reisekoffers an. Darin befanden sich neben drei Jacken, unzähligen Shirts auch diverse Jeans in allen Farben, die ich mit Namen benennen könnte.
Der Mann war besser ausgestattet als die gesamte Produktion und ich fragte mich ernsthaft, wer von uns beiden hier falsch ist.

Nach einer Weile wurden wir vom Supervisor in den Warteraum zitiert um auf unsere erste Einstellung zu warten. Gefühlt zwei Stunden später und dem erneuten Monolog des Medizinstudenten (schließlich saßen neue Leute am Tisch, die ihn noch nicht kannten), war es dann auch endlich soweit.
Wir sollten uns stimmig und diskomäßig platzieren und nach Spaß aussehen. Garnicht so leicht, denn mein zugewiesener Smalltalk -Partner war nicht nur schüchtern, wie ich auch, sondern seine Gesprächsführung machte aus allem eine geschlossene Frage die er mit ‚Ja‘, ‚Nein‘ oder einem nichts sagenden Schulterzucken. Es war ein Graus.
Das Requisitengetränk, das man mir für die Authentizität gab, erfüllte seinen Zweck nur bedingt, denn die Bierflasche fühlte sich derartig befremdlich an, dass ich sie fast mit dem Typ der beim Umstylen ein löchriges Netzshirt bekommen hat, getauscht hätte.
Aber ich blieb tapfer und versuchte weiterhin eine Konversation zu führen. Leider ohne echten Erfolg. Allerdings sollte das für die Szene egal sein, denn wenn ich den kamerawinkel recht deute, ist eh nur mein Hinterkopf zu sehen. Glück gehabt!
Nach ca fünf Anläufen, war der Regisseur, ein kleiner, aufgedrehter Mann mit Trillerpfeife, zufrieden. Oder er fand es nicht ganz scheiße, weil seinem Blick nach entschied mehr die Zeit als die Qualität. Wie ein Sportlehrer plerrte er alles zusammen, was sich bewegte, nervige Statisten, die ihre Klappe nicht halten können eingeschlossen. Armer Typ, dachte ich, als er wie eine Rennmaus auf Speed hin- und herrannte, Leute zurecht zerrte und versuchte das Gesamtbild anschaulicher zu machen.
Dabei fiel mir auf, was für ein stressiger und aufreibender Job das sein muss. Und dass eine olivgrüne Weste am Film so eine Art Uniform zu sein scheint. Aber das ist ein anderes Thema. Das ständige alles im Auge behalten müssen, würde mich fertig machen, aber jetzt, also über acht Stunden später, bin ich der Meinung, dass er seine Sache gut gemacht hat.
Ich könnte noch mehr berichten über das was ich erlebt und gesehen habe, über die Menschen, die Eigenarten, wenn verschiedenste Menschen auf engstem Raum aufeinander treffen und meine Eindrücke. Aber dazu bin ich zu müde. Vielleicht morgen, oder so.

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