Dunkle Pfade II

Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein Herz raste unter dem ledernen Harnisch. Todesstrafe für Verräter! Das hatte der Kommandant damals ausgesprochen, als er sich den Thron des Königs mit Gewalt nahm. Todesstrafe. Ohne Prozess, vollstreckt von dem, der den Verrat aufdeckt. Zwischen ihm und den beiden Männern lagen nun noch knapp 10 Meter. Aiden überlegte, ob er verschwinden sollte. War die Frau es wirklich wert erwischt zu werden? Konnte seine Familie den Verlust überstehen? Nicht ohne Grund bekam er Zweifel an der ganzen Sache. Gerade als er auf dem Absatz kehrt machen wollte, fiel ihm auf, dass die Wachen nicht ihn im Auge hatten, sondern die Tür am anderen Ende des Ganges. Hinter ihr lag der Pausenraum und der Wein den der Kommandant seinen treuen Gefolgsleuten versprach. Zwei Gründe den schmächtigen Mann in falscher Kleidung völlig zu übersehen.

March saß gefesselt und alleine in dem Raum, der nur von wenigen Kerzen beleuchtet wurde. Mehr konnte Aiden durch das Schloss nicht sehen. Er blickte sich vorsichtig um, bevor er die Tür auf stieß. Die Wachen verschwanden in ihrem Pausenraum und würden so schnell auch nicht wieder herauskommen.

Leise schlich er sich zu der gefesselten Frau in der Nähe des Kamins.  Sie war zur Wand geneigt, als wollte man nicht, dass sie weiß wer den Raum betritt. Vorsichtig versuchte er sich ihr nähern, doch der knarrende Boden verriet ihn. Zu seinem Glück, war sie geknebelt, so dass ihr Schrei ein nicht hörbares Glucksen wurde. Ruhig legte er sich den Finger auf den Mund.

„Ich komme um dich zu retten. Der König schickt mich.“ Ihre Brust schien sich langsamer zu bewegen, als würde sie sich beruhigen. Aiden holte atmete tief ein. „Ich nehme dir die Fesseln ab und bringe dich hier raus. Aber du musst mir vertrauen und darfst keinen Laut von dir geben. Sonst sind wir beide erledigt. Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Aiden bemerkte nicht, dass der Raum für eine Gefangene kaum gesichert war. Ihm fiel auch nicht auf, dass der Weg hinein viel zu leicht war. Vielleicht hätte er genauer darauf achten sollen, doch er hatte lediglich sein Ziel vor Augen. March würde ihm helfen, seine Familie zu retten. Und deswegen würde er March retten. Vorsichtig löste er ihren Knebel.

„Was wollen Sie? Sie sind von der Miliz, wieso sollte ich Ihnen trauen? Wenn der Kommandant erfährt, dass Sie hier sind, wird er sie töten. Also tun sie mir nichts.“Ihre Stimme wurde mit jedem Wort höher und endete in einem wimmernden Hauchen. Eine Träne rollte über ihre Wange und sie lies den Kopf hängen. Niemand konnte sagen, wie lange sie schon in diesem Zimmer auf diesem Stuhl saß. Aiden tat die Frau leid: „Wie ich sagte, der König schickt mich. Ich bin Aiden und ich will sie hier rausholen. Gott weiß, was Sie Ihnen angetan haben. Ich glaube Ihnen, dass es schwer für sie sein muss mir zu trauen, nach allem was sie durchleben mussten, aber wenn Sie es nicht tun, sind wir beide verloren. Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Bitte, lassen sie sich von mir helfen.“ March hob langsam ihren Kopf. Ihre schwarzgrauen Haare fielen ihr in Stränen ins Gesicht. Sie lächelte schwach, aber sie lächelte.

Die Fesseln an ihren Händen lösten sich erstaunlich leicht. „Wie sollen wir hier raus kommen? Es wimmelt doch von den Männern des Kommandanten.“ fragte sie und rieb sich die gereizten Handgelenke. Natürlich hatte Aiden einen Plan wie sie durch die Flure des prächtigen Baus kommen würden, ohne entdeckt zu werden. „Können Sie alleine laufen?“ Aiden half der zerbrechlich anmutenden Frau auf die Beine. „Hier entlang“, sagte er und zeigte mit dem Finger auf die Tür durch die er gekommen war. Langsam gingen sie vorwärts, stets alle Schatten und Gänge im Blick. Nur schwerfällig wollten sich ihre Füße bewegen, die Tortur der letzten Tage; oder waren es Wochen; hinterließ Spuren. Trotz Aidens Hilfe schmerzten ihre Beine bei jedem einzelnen Schritt.

„Sie müssen sich jetzt zusammen reißen“ grummelte Aiden, der befürchtete, dass die alte Frau zu ihrem Verhängnis werden würde. „Wenn wir nicht schneller laufen, sehen uns bald die Wachen und was dann passiert muss ich Ihnen sicher nicht erklären.“

„Nein, sicher nicht. Und nenn mich March!“ Sie bemühte sich ihr schmerzerfülltes Gesicht zu verbergen und lief nicht mehr vom Schmerz gekrümmt, sondern aufrecht. So schritten beide einige Abzweigungen der endlosen mit blauem Marmor gestalteten Flure entlang. Der Bau war prächtig und ganz offensichtlich wurden hier keine Kosten gescheut.

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Dunkle Pfade I

Verwundert und ein wenig beklommen folgte sie ihm durch die öden Gänge, durch zugige Torbogen, an stillen Zimmern vorbei und schließlich eine Steintreppe hinunter in einen Teil des Palasts, in dem sie noch nie zuvor gewesen war. Der Schrecken der vergangenen Minuten ließ sie dabei nicht los. Sie hielten vor einer großen massiven Holztür. Ihrer Größe nach, war sie nicht für normale Menschen gemacht. Das Tor war mindestens 3 Mann hoch. Da war sich Aiden sicher. Der Knauf befand sich unerreichbar über ihm. Voller Hohn schien er auf ihn herab zu blicken. Vorsichtig tastete er die Maserung der Tür ab. Sie schien absolut unbeweglich. Aiden stemmte seine ausgestreckten Arme gegen das dunkle Holz und drückte mit aller Kraft. Unter lautem ächzen, gab die Tür einen winzigen Spalt frei.

„Verdammt, wir müssen leise sein.“ keifte March, „Wenn sie uns hören, sind wir geliefert.“ Gereizt starrte er sie an. Sein Kopf war knallrot.  Alles hier unten war voll mit Spinnweben. Nichts deutete auch nur an, dass sich Menschen seit Bau des prächtigen Palastes hier aufgehalten haben. Die Luft war modrig und der Schein der Fackel erhellte kaum die Hand vor Augen. Gewiss war dies kein einladender Ort. Nur die Götter wissen, was es damit auf sich hatte.

„Dann hilf mir gefälligst,wir müssen uns nämlich auch beeilen. Sonst sind wir genauso geliefert.“Seine Augen zeigten in Richtung der Tür, gegen die er sich mittlerweile schräg stemmte. „Wann hast du den letzten von ihnen gesehen?“, keuchte er. „Ich… ich glaube an der großen Treppe.“ stammelte March. Jetzt hatte sie sich ebenfalls aufgerichtet um Aiden mit der Tür zu helfen. Wieder lies sie ein lautes Ächzen hören, diesmal jedoch bewegte sie sich deutlich schneller. „Nur noch ein Stück. Los, gib alles.“ Aiden stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte seinen Körper mit aller Kraft gegen das Holz.

Plötzlich vernahmen beide aus dem Augenwinkel einen Schatten, gefolgt von einem tiefen Knurren. Im Schein der Fackel konnten sie nicht weit genug sehen. Doch das Geräusch kam aus dem Gang hinter ihnen, daran hatten sie keinen Zweifel. „Oh Gott. Schnell. Sie kommen.“, quietschte March. Die Tür bewegte sich nur sehr langsam. Millimeter um Millimeter und die Zeit schien ihnen zwischen den Fingern zu entgleiten. Wieder dieses Geräusch. Ein Grollen wie Donner, aber auch ein Knurren wie das eines hungrigen Wolfs. Aiden bekam Angst. War es etwa ein Fehler in die Kellergewölbe zu fliehen? Er fragte sich, ob er über die Brücke in die Stadt gekommen wäre. Der Weg war gefährlicher, aber auch kürzer. In Panik konnte er keine guten Entscheidungen treffen, so war er nicht. Deswegen plante er die Rettung so lange. Aiden war gerne vorbereitet.

Vor etwa einem Monat hatte er von Marchs Lage erfahren und wurde vom König gebeten sie zu retten. Er, ein einfacher Bauer. Wie absurd. Doch seine Beziehungen zum Militär waren wertvoll in Zeiten wie diesen. Zeiten in denen der König keinen Zutritt zu seinem Palast hatte, seit der Kommandant der Gardisten die Kontrolle an sich Riss. Was ist ein einzelner König gegen seine eigene Armee als ein einfacher, wehrloser Mann? Zwar kam er bei Verwandten unter und plante, so sagt man sich auf dem Markt, die Rückkehr auf seinen Thron. Wie genau er das anstellen wollte, dass wusste niemand. Der König wusste von Aidens Lage, hatte ihn vielleicht sogar deswegen ausgesucht. Er bot ihm eine hohe Belohnung.

Dafür musste er lediglich March befreien und heil zurück zum König bringen. Die vergangenen Jahre brachten kaum Ernte und Aiden konnte seine Familie kaum ernähren. Das Angebot des Königs schien ihm wie gerufen zu kommen. March würde angeblich im Zimmer des Kommandanten oben im Palast festgehalten. Alles sollte ganz einfach werden, weswegen Aiden einwilligte. Wie er sich doch täuschte. Ohne Probleme kam er mit einer Uniform der Miliz in das Palastgebäude. Unbemerkt konnte er sich zu March vorschlagen, was ihn etwas überraschte, schließlich hätte die Lage durchaus ein gewisses Maß an Sicherheit erfordert.

Aiden hatte keine Ahnung wer March war oder wie sie in diese Lage gekommen war. Eigentlich war es ihm auch egal, schließlich stand das Überleben seiner Familie auf dem Spiel. Er war bereit zu tun, was zu tun ist. Er passierte die den letzten Korridor vor dem Raum in dem die Frau, die sein Leben ändern sollte auf einem Stuhl saß. Kaum abgebogen, traten 2 Wachen auf den Plan und musterten ihn auffällig. Unfreiwillig schmunzelte er über die Ironie der Situation.  Seine Kleidung passte in dieses Gebäude, alles andere nicht. Weder seine Haare, noch sein von der Feldarbeit gebräuntes Gesicht. Insgesamt war er fast zu schmächtig um in diesen Hallen nicht aufzufallen. Zielstrebig kamen die beiden Männer auf ihn zu. Aiden befürchtete das Schlimmste.

Teil II