Todgeweiht 3

Der Winter brachte eine bezaubernde Melancholie über alles. Die Eiche war blattlos und dunkel, doch im Kontrast zum verschneiten Boden war sie wunderschön. Die knorrigen Äste wogen im Wind und einzelne Schneeflocken tänzelten unbeirrt umher. Letzte Nacht schneite es dicke Flocken und nun sah alles aus wie mit Marshmallow-Creme überzogen. Während Herr Braun gerade beim Buchstaben G verweilte, driftete ich in Gedanken ab. Das würde noch ewig dauern. Ich konnte meinen Blick nicht von der tanzenden Eiche nehmen. Die Schule wollte sie eigentlich fällen lassen, weil das Wurzelwerk die Turnhalle beschädigen könnte, aber zum Glück war das Betriebsamt dagegen. Diese Welt ist öde und trist genug, da macht es kaum Sinn die letzten Reste grüner Natur zu entfernen.

Plötzlich wurde es still in der Klasse, zu still. Herr Braun hatte aufgehört Namen zu verlesen und alle drehten ihre Köpfe zu mir. „Darryl, kommst du bitte mit mir? Ich muss dringend mit dir sprechen.“ Frau Haderloh, die Direktorin, wirkte etwas aufgelöst. Sie stand mit verschränkten Armen in der offenen Tür und starrte in meine Richtung. Etwas perplex fragte ich: „Was ist denn los? Hab ich was angestellt?“

„Nein, nein, keine Sorge. Nur muss ich dringend mit dir alleine sprechen, also wärst du so freundlich mich zu begleiten?“ Irgendetwas an ihr machte mir Angst.

Brian warf mir noch einen fragenden Blick zu als ich aufstand, den ich mit einem Schulterzucken beantwortete. „Ok, gehen wir.“

Während ich ihr näher kam, konnte ich sehen, dass ihre Augen feucht waren. Ihr unpassendes Make-Up war verschmiert und ihre Mundwinkel waren zu einer dünnen Linie zusammen gepresst. Frau Haderloh war in Ordnung, sie behandelte alle immer fair und lies ihre Launen nicht an den Schülern aus. Sie tat mir etwas leid, weil ihr Erscheinungsbild in diesem Augenblick furchtbar war.

„Was ist denn los?“ fragte ich ratlos.

„Es ist etwas passiert, aber das besprechen wir nicht vor der Klasse.“

Das machte mich nur noch nervöser. Sie öffnete die Tür und wies mich an zu gehen.

Da sie mir nicht direkt sagen wollte worum es ging, folgte ich ihr nachdenklich. Was konnte geschehen sein? Wieso so ein Aufriss? Die meisten Dinge hätte sie auch vor der Klasse mit mir besprechen können oder wenigstens vor dem Klassenraum. Aber sie bestand darauf, dass wir in ihr Büro im Nebengebäude gehen.

Die Unwissenheit machte mich wahnsinnig, so dass die hässlich braunen Flure mit ihrer Linoleumauskleidung unendlich lang wirkten. Allmählich machte sich Unbehagen in Form eines verdrehten Magens in mir breit. Immer wieder spielte ich alle Möglichkeiten durch, die diesen Aufriss rechtfertigten, doch mir wollte einfach nichts einfallen. In diesem Moment hasste ich meinen Verstand dafür, dass ihm zunächst die schlimmsten Szenarien einfielen. Nun machte ich mir auch noch Sorgen.

Als wir nach einer Ewigkeit der Anspannung endlich das Direktorenbüro erreichten, stellte ich überraschend fest, dass mein Vater ebenfalls anwesend war. Mit gesenktem Kopf stand er da und blickte den Boden an. Als er mich sah, drückte er mich fester, denn je und ich spürte, dass er am ganzen Leib zitterte. „Es geht um deine Mutter,“begann er mit wimmernder Stimme. Tränen schossen ihm aus den Augen und verhinderten, dass er den Satz zu Ende sprechen konnte.

Die Direktorin schloss die Tür und lehnte sich an ihren Schreibtisch. Diese ganze Situation machte mir inzwischen mehr als nur Bauchschmerzen. Ich hatte meinen Vater noch nie so gesehen. Bis heute hatte ich angenommen, dass er ein verschlossener und emotionskalter Typ sei, doch hier wirkte er zerbrechlich und aufgelöst.

„Was zum Teufel ist los?“, platzte es aus mir heraus. „Bitte, ich halte das nicht mehr aus. Was ist los?“

Mein Vater legte mir seine Arme auf die Schultern und schaute mir in die Augen. Mir wurde bewusst, dass so etwas in den letzten 15 Jahren noch nie vorkam. Unser Verhältnis war ok, aber sicherlich nicht das Beste. Die anderen Jungs hatten eine engere Bindung zu ihren Vätern, manche sogar zu ihren Stiefvätern. Doch Paps und ich koexistierten eher im Umkreis meiner Mutter. Er und ich hatten kaum gemeinsame Interessen und bislang war es für beide Seiten vollkommen in Ordnung. Doch nun stand er da und starrte mich mit tränenüberlaufenen Augen an.

Die Absurdität der ganzen Situation trieb mir ebenfalls das Wasser in die Augen. „Hör mal, heute morgen ist etwas Schreckliches passiert.“, setzte die Direktorin die Worte meines Vaters fort. „Deine Mutter wurde beim Einkaufen überfallen. Die Täter griffen aus heiterem Himmel mit Messern an und konnten unbemerkt fliehen. Sie wird gerade im Krankenhaus operiert.“

„Wir tun, alles was in unserer Macht steht um die Kerle zu finden, die deiner Mutter das angetan haben.“ Die unbekannte Stimme gehörte zu einem Polizisten, der sich bisher in der Ecke des Raumes befand. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte so viele Fragen, so wenig Antworten und keine Ahnung wie ich mich fühlen sollte.

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Dunkle Pfade II

Der Schweiß stand ihm auf der Stirn und sein Herz raste unter dem ledernen Harnisch. Todesstrafe für Verräter! Das hatte der Kommandant damals ausgesprochen, als er sich den Thron des Königs mit Gewalt nahm. Todesstrafe. Ohne Prozess, vollstreckt von dem, der den Verrat aufdeckt. Zwischen ihm und den beiden Männern lagen nun noch knapp 10 Meter. Aiden überlegte, ob er verschwinden sollte. War die Frau es wirklich wert erwischt zu werden? Konnte seine Familie den Verlust überstehen? Nicht ohne Grund bekam er Zweifel an der ganzen Sache. Gerade als er auf dem Absatz kehrt machen wollte, fiel ihm auf, dass die Wachen nicht ihn im Auge hatten, sondern die Tür am anderen Ende des Ganges. Hinter ihr lag der Pausenraum und der Wein den der Kommandant seinen treuen Gefolgsleuten versprach. Zwei Gründe den schmächtigen Mann in falscher Kleidung völlig zu übersehen.

March saß gefesselt und alleine in dem Raum, der nur von wenigen Kerzen beleuchtet wurde. Mehr konnte Aiden durch das Schloss nicht sehen. Er blickte sich vorsichtig um, bevor er die Tür auf stieß. Die Wachen verschwanden in ihrem Pausenraum und würden so schnell auch nicht wieder herauskommen.

Leise schlich er sich zu der gefesselten Frau in der Nähe des Kamins.  Sie war zur Wand geneigt, als wollte man nicht, dass sie weiß wer den Raum betritt. Vorsichtig versuchte er sich ihr nähern, doch der knarrende Boden verriet ihn. Zu seinem Glück, war sie geknebelt, so dass ihr Schrei ein nicht hörbares Glucksen wurde. Ruhig legte er sich den Finger auf den Mund.

„Ich komme um dich zu retten. Der König schickt mich.“ Ihre Brust schien sich langsamer zu bewegen, als würde sie sich beruhigen. Aiden holte atmete tief ein. „Ich nehme dir die Fesseln ab und bringe dich hier raus. Aber du musst mir vertrauen und darfst keinen Laut von dir geben. Sonst sind wir beide erledigt. Hast du das verstanden?“ Sie nickte.

Aiden bemerkte nicht, dass der Raum für eine Gefangene kaum gesichert war. Ihm fiel auch nicht auf, dass der Weg hinein viel zu leicht war. Vielleicht hätte er genauer darauf achten sollen, doch er hatte lediglich sein Ziel vor Augen. March würde ihm helfen, seine Familie zu retten. Und deswegen würde er March retten. Vorsichtig löste er ihren Knebel.

„Was wollen Sie? Sie sind von der Miliz, wieso sollte ich Ihnen trauen? Wenn der Kommandant erfährt, dass Sie hier sind, wird er sie töten. Also tun sie mir nichts.“Ihre Stimme wurde mit jedem Wort höher und endete in einem wimmernden Hauchen. Eine Träne rollte über ihre Wange und sie lies den Kopf hängen. Niemand konnte sagen, wie lange sie schon in diesem Zimmer auf diesem Stuhl saß. Aiden tat die Frau leid: „Wie ich sagte, der König schickt mich. Ich bin Aiden und ich will sie hier rausholen. Gott weiß, was Sie Ihnen angetan haben. Ich glaube Ihnen, dass es schwer für sie sein muss mir zu trauen, nach allem was sie durchleben mussten, aber wenn Sie es nicht tun, sind wir beide verloren. Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Bitte, lassen sie sich von mir helfen.“ March hob langsam ihren Kopf. Ihre schwarzgrauen Haare fielen ihr in Stränen ins Gesicht. Sie lächelte schwach, aber sie lächelte.

Die Fesseln an ihren Händen lösten sich erstaunlich leicht. „Wie sollen wir hier raus kommen? Es wimmelt doch von den Männern des Kommandanten.“ fragte sie und rieb sich die gereizten Handgelenke. Natürlich hatte Aiden einen Plan wie sie durch die Flure des prächtigen Baus kommen würden, ohne entdeckt zu werden. „Können Sie alleine laufen?“ Aiden half der zerbrechlich anmutenden Frau auf die Beine. „Hier entlang“, sagte er und zeigte mit dem Finger auf die Tür durch die er gekommen war. Langsam gingen sie vorwärts, stets alle Schatten und Gänge im Blick. Nur schwerfällig wollten sich ihre Füße bewegen, die Tortur der letzten Tage; oder waren es Wochen; hinterließ Spuren. Trotz Aidens Hilfe schmerzten ihre Beine bei jedem einzelnen Schritt.

„Sie müssen sich jetzt zusammen reißen“ grummelte Aiden, der befürchtete, dass die alte Frau zu ihrem Verhängnis werden würde. „Wenn wir nicht schneller laufen, sehen uns bald die Wachen und was dann passiert muss ich Ihnen sicher nicht erklären.“

„Nein, sicher nicht. Und nenn mich March!“ Sie bemühte sich ihr schmerzerfülltes Gesicht zu verbergen und lief nicht mehr vom Schmerz gekrümmt, sondern aufrecht. So schritten beide einige Abzweigungen der endlosen mit blauem Marmor gestalteten Flure entlang. Der Bau war prächtig und ganz offensichtlich wurden hier keine Kosten gescheut.

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Dunkle Pfade I

Verwundert und ein wenig beklommen folgte sie ihm durch die öden Gänge, durch zugige Torbogen, an stillen Zimmern vorbei und schließlich eine Steintreppe hinunter in einen Teil des Palasts, in dem sie noch nie zuvor gewesen war. Der Schrecken der vergangenen Minuten ließ sie dabei nicht los. Sie hielten vor einer großen massiven Holztür. Ihrer Größe nach, war sie nicht für normale Menschen gemacht. Das Tor war mindestens 3 Mann hoch. Da war sich Aiden sicher. Der Knauf befand sich unerreichbar über ihm. Voller Hohn schien er auf ihn herab zu blicken. Vorsichtig tastete er die Maserung der Tür ab. Sie schien absolut unbeweglich. Aiden stemmte seine ausgestreckten Arme gegen das dunkle Holz und drückte mit aller Kraft. Unter lautem ächzen, gab die Tür einen winzigen Spalt frei.

„Verdammt, wir müssen leise sein.“ keifte March, „Wenn sie uns hören, sind wir geliefert.“ Gereizt starrte er sie an. Sein Kopf war knallrot.  Alles hier unten war voll mit Spinnweben. Nichts deutete auch nur an, dass sich Menschen seit Bau des prächtigen Palastes hier aufgehalten haben. Die Luft war modrig und der Schein der Fackel erhellte kaum die Hand vor Augen. Gewiss war dies kein einladender Ort. Nur die Götter wissen, was es damit auf sich hatte.

„Dann hilf mir gefälligst,wir müssen uns nämlich auch beeilen. Sonst sind wir genauso geliefert.“Seine Augen zeigten in Richtung der Tür, gegen die er sich mittlerweile schräg stemmte. „Wann hast du den letzten von ihnen gesehen?“, keuchte er. „Ich… ich glaube an der großen Treppe.“ stammelte March. Jetzt hatte sie sich ebenfalls aufgerichtet um Aiden mit der Tür zu helfen. Wieder lies sie ein lautes Ächzen hören, diesmal jedoch bewegte sie sich deutlich schneller. „Nur noch ein Stück. Los, gib alles.“ Aiden stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte seinen Körper mit aller Kraft gegen das Holz.

Plötzlich vernahmen beide aus dem Augenwinkel einen Schatten, gefolgt von einem tiefen Knurren. Im Schein der Fackel konnten sie nicht weit genug sehen. Doch das Geräusch kam aus dem Gang hinter ihnen, daran hatten sie keinen Zweifel. „Oh Gott. Schnell. Sie kommen.“, quietschte March. Die Tür bewegte sich nur sehr langsam. Millimeter um Millimeter und die Zeit schien ihnen zwischen den Fingern zu entgleiten. Wieder dieses Geräusch. Ein Grollen wie Donner, aber auch ein Knurren wie das eines hungrigen Wolfs. Aiden bekam Angst. War es etwa ein Fehler in die Kellergewölbe zu fliehen? Er fragte sich, ob er über die Brücke in die Stadt gekommen wäre. Der Weg war gefährlicher, aber auch kürzer. In Panik konnte er keine guten Entscheidungen treffen, so war er nicht. Deswegen plante er die Rettung so lange. Aiden war gerne vorbereitet.

Vor etwa einem Monat hatte er von Marchs Lage erfahren und wurde vom König gebeten sie zu retten. Er, ein einfacher Bauer. Wie absurd. Doch seine Beziehungen zum Militär waren wertvoll in Zeiten wie diesen. Zeiten in denen der König keinen Zutritt zu seinem Palast hatte, seit der Kommandant der Gardisten die Kontrolle an sich Riss. Was ist ein einzelner König gegen seine eigene Armee als ein einfacher, wehrloser Mann? Zwar kam er bei Verwandten unter und plante, so sagt man sich auf dem Markt, die Rückkehr auf seinen Thron. Wie genau er das anstellen wollte, dass wusste niemand. Der König wusste von Aidens Lage, hatte ihn vielleicht sogar deswegen ausgesucht. Er bot ihm eine hohe Belohnung.

Dafür musste er lediglich March befreien und heil zurück zum König bringen. Die vergangenen Jahre brachten kaum Ernte und Aiden konnte seine Familie kaum ernähren. Das Angebot des Königs schien ihm wie gerufen zu kommen. March würde angeblich im Zimmer des Kommandanten oben im Palast festgehalten. Alles sollte ganz einfach werden, weswegen Aiden einwilligte. Wie er sich doch täuschte. Ohne Probleme kam er mit einer Uniform der Miliz in das Palastgebäude. Unbemerkt konnte er sich zu March vorschlagen, was ihn etwas überraschte, schließlich hätte die Lage durchaus ein gewisses Maß an Sicherheit erfordert.

Aiden hatte keine Ahnung wer March war oder wie sie in diese Lage gekommen war. Eigentlich war es ihm auch egal, schließlich stand das Überleben seiner Familie auf dem Spiel. Er war bereit zu tun, was zu tun ist. Er passierte die den letzten Korridor vor dem Raum in dem die Frau, die sein Leben ändern sollte auf einem Stuhl saß. Kaum abgebogen, traten 2 Wachen auf den Plan und musterten ihn auffällig. Unfreiwillig schmunzelte er über die Ironie der Situation.  Seine Kleidung passte in dieses Gebäude, alles andere nicht. Weder seine Haare, noch sein von der Feldarbeit gebräuntes Gesicht. Insgesamt war er fast zu schmächtig um in diesen Hallen nicht aufzufallen. Zielstrebig kamen die beiden Männer auf ihn zu. Aiden befürchtete das Schlimmste.

Teil II

Sand im Kaffee

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Der fahle Geschmack in seinem Mund war keine Hilfe. Zu gerne hätte er all das mit einem kühlen Schluck Bier vergessen. All das. Die Sonne, den Weg, seinen Hunger. Einfach zusammen mit dem vermutlich besten Weizenbräu seines Lebens verzehrt. Am liebsten in seiner Stammbar. Marty vom Tresen hätte ihn sicher schon beim Reinkommen bemerkt und angefangen zu zapfen. Er liebte es derart zuvorkommend zu wirken und genoss jedes einzelne Mal. Doch daraus wurde nichts. Marty, die Bar und alles anderes, dass auch nur im Ansatz etwas Trinkbarem gleichkam waren meilenweit weg. Weiterlesen

Eine Kurzgeschichte

Odinärer Sonntag

Alice saß nur da und fingerte vor ihrer Nase in der Luft herum. Ihr breites Grinsen verriet alles. „Siehst du die durchsichtigen Würmchen?“. Mifti dachte kurz darüber nach, ob sie darauf wirklich eingehen sollte, denn in der Tat sah sie gelegentlich Schlieren über ihre Augen laufen, die den kleinen Viechern verdächtig ähnelten. Aber Zustimmung würde vermutlich in einer Unterhaltung enden, für die sie eindeutig noch zu wenig breit war.
„Dein Ernst…“, schnaubte Mifti, die eigentlich Mareike hieß. Sie konnte nicht von sich behaupten diesen Namen wirklich doof zu finden, vielmehr passte er nicht zu ihrem Leben. Deswegen nahm sie mit Freuden den erstbesten Spitznamen an, der ihr verpasst wurde. Wenn auch nur als Schimpfwort von Kai, dem dicken, verzogenen Bonzenkind im Pollunder. Kais Eltern waren „akademische Millionäre“, der Vater schmieriger Anwalt und die Mutter organisierte Charity-Events bei denen zu reiche Snobs anderen reichen Snobs Geld gaben um ihr Gewissen zu beruhigen. Das sie mit dem Geld eben jene unterstützen, die sie für ihren Reichtum ausbeuten mussten interessierte sie nicht mehr. Nach dem Ausstellen des Checks, dem Verzehr unaussprechlicher Häppchen und dem dauerhaften Gegrinse sind die meisten froh wieder in ihre Penthouse Wohnungen in der Altstadt fahren zu können.
Kai wurde von seinen Eltern für Kreise erzogen, die kein Mensch besuchen sollte. Mit fünf war sein Berufswunsch nicht Astronaut oder Feuerwehrmann, sondern Broker. Damit wollte er sich dann eine bessere Yacht kaufen, als die seines Vaters. Er wollte von allem mehr als sein Vater. Größeres Haus, schnelleres Auto, mehr Kinder. Sogar eine attraktivere Sekretärin wünschte er sich. Ehrgeiz hatte Kai, ohne Frage. Nur war er bereits im Kindergarten so ein Arschloch, dass ihn keine leiden konnte. Seine einzige Haltung dazu war Diskriminierung. Und da kam ihm die rothaarige Mareike gerade recht, der selbstgestrickte ausgebeulte Pullover lud förmlich dazu ein. Auch wenn er es nie erfahren würde, war Mifti ihm auf ewig dankbar dafür.
„Es ist noch nicht mal 9 Uhr und du bist schon wieder völlig zu? Was stimmt denn nicht mit dir?“ Alice hob den Kopf, grinste und hielt den beinahe perfekt gerollten Joint in die Luft und atmete den blauen Dunst ganz langsam aus. Dann nickte sie in Richtung des Rauchs. Mifti griff nach kurzem Hadern zu und saugte kräftig an der Tüte. „Geht doch“, kicherte Alice und fiel rücklings auf ihr Lager aus Decken und Kissen. „Du solltest den Tag mehr genießen. Es ist wunderschönes Wetter, die Vögel singen. Und ich habe diese Würmchen entdeckt. Ich glaube ich gebe ihnen Namen. Was denkst du?“ „Das du sie nicht mehr alle hast“. Die Droge entfaltete nur sehr langsam ihre Wirkung, was Mifti mitten im Satz bemerkte. Sie war tatsächlich nicht entspannt. Dabei gab es wirklich so viel zu entdecken. Alice hatte Recht, der Tag war wunderschön. Wenn auch noch sehr früh für einen Sonntag, aber wach ist wach. Eine Zeit beobachtete sie zwei Tauben, die auf dem Rand des Nachbardaches saßen. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken bei dem Gedanken jetzt beobachtet zu werden. Zwei kiffende, junge Frauen. Zerzaust und ungeduscht auf der Dachterrasse liegend, quasi auf dem Präsentierteller der Welt. Wenn ihr Chef sie jetzt sehen würde oder ihre Eltern. Sicher würde ihre Mutter wieder einen riesen Anfall bekommen, etwas von schlechter Erziehung und Kur schwafeln. Vorwurfsvoll mit dem Finger auf ihren Vater zeigen und dann in Tränen ausbrechen. Letztlich würde es auf Streit hinauslaufen. Zwischen ihren Eltern, denselben Streit mit denselben Argumenten und demselben Verlauf wie schon die letzten Jahrzehnte. Fast als wäre es zur Gewohnheit verkommen. Mifti mochte ihre Eltern, irgendwie.
„Was wolln wir denn heute machen?“, fragte Alice, die mittlerweile versuchte die Wolken zu streicheln. Dabei streckte sie ihre Arme so weit aus, dass es eher den Anschein erweckte als wollte Sie die Welt umarmen. Mifti gefiel dieser Gedanke. „Kein Plan, was Essen wär doch geil“, brabbelte sie grinsend. „Ich hab tierisch Bock auf Pfannkuchen, mit Zimt und Zucker. Und Apfelmus.“ Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.
„Kannst du denn welche? Und hast du eingekauft?“ Obwohl ihre Augen längst rot und ihr Verstand rosa waren, brachte Alice diese spezielle Form der Ernsthaftigkeit auf den Tisch. Nur wusste Mifti nie so recht ob sie das gut finden soll. Geknickt legte sie sich ebenfalls in das Kissenlager. „Wir können uns natürlich auch was bestellen, wenn du Geld hast. Ich hab keins. Weswegen müsste ich sonst hier wohnen.“ Sie kicherte, dann vertiefte sich das Gelächter und wurde lauter.
Mifti war nicht mehr nach Lachen. Sie befand sich in einer schwierigen Lage. Um mit Alice auf Augenhöhe zu bleiben hat sie zu wenig gekifft. Um einen geregelten Alltag ohne Albernheiten zu haben, war es aber schon zu viel. Noch bevor sie sich aller Konsequenzen dieser Misere bewusst war, steckte ihr ein weiterer Joint im Mund. Danke Gehirn, dachte sie und lehnte sich zurück um den Sonntag zu genießen, der eigentlich ein Dienstag war.

 

Basierend auf dem Satz:

Danach besuchte Mifti Alice, die desorientiert und kiffend auf ihrer Dachterrasse liegt.