Amanda

Amanda saß auf ihrer Terrasse, wie sie es jeden Samstag tat. Sie blickte über das weite Feld und erfreute sich an der Wärme des Tages. Mit kräftigen Zügen sog sie die frische Herbstluft, die sich leicht mit dem Teearoma vermengte, auf. Keine Frage, dieser Tag war auf dem Besten Weg ein unvergesslicher zu werden, doch nicht so, wie Amanda sich das erhoffte. Während ein leichter Windzug aufkam, erinnerte sie sich an die letzten Jahre zurück. Dabei dachte sie an ihren Mann und die beiden Kinder. Sie sah sie auf der Wiese vor dem Haus herum tollen, sich fangend und laut lachend. So sah sie ihre Familie am liebsten.

Bei der Küchenarbeit schaute sie immer durch das kleine runde Fenster, dass den Garten zeigte. Während sie Gemüse schnitt und ihre Kinder umher rannten, als wäre der Teufel hinter ihnen her, war Amanda für einen kleinen Moment vollkommen im Reinen mit sich. Sie vergaß den Schmerz und die Wut, die in ihr steckten. Nur für diesen winzigen Augenblick des Tages, war alles in Ordnung. Ihr Platz in diesem Universum war mit Watte ausgekleidet und niemand könnte ihr Leid zufügen. Vor allem sie selbst nicht.

Doch diese Momente waren selten. Sehr selten, denn Amanda war krank, sehr krank, weshalb sie häufig weinte und schrie. Immer wieder musste John Ärzte holen, weil sie in der Nacht Anfälle bekam und er befürchtete, seine geliebte Frau wäre des Todes. Und jedes Mal sagten die Mediziner dasselbe zu ihm. Er sollte ihr echte Hilfe besorgen, sie unter Aufsicht stellen und sich mit den Kindern in Sicherheit bringen. Doch er weigerte sich, dementierte, dass Amanda so krank sei und hoffte insgeheim auf Besserung. „Ich habe ihr die Treue geschworen, in guten wie in schlechten Zeiten“. Immer wieder sagte er sein Ehegelübte in seinem Geist auf, weil er hoffte, sich selbst damit Mut und Kraft zu machen. Manchmal klappte es sogar, meistens jedoch nicht.

Amanda nahm einen Schluck aus der weißen Porzellantasse und schmeckte die köstlichen Aromen von Brombeeren und Johannisbeeren in ihrem Mund. Über dem Tee bildete sich zarter Nebel, der im Sonnenlicht emsig funkelte. Die Ähren des Weizenfeldes wogen seicht im Wind umher, wobei sie ein betörendes Rauschen abgaben, dass Amanda an eine kleine Bucht erinnerte, wo sie mal Urlaub gemacht hatten. In diesem Jahr, dass alles verändern sollte.

John buchte gegen den Rat der Ärzte einen Familienurlaub in der Toskana, weil er davon überzeugt war, dass ihr ein Tapetenwechsel gut tun würde. Und auch für die Kinder war es eine gelungene Abwechslung, durch den warmen Sand waten zu können und für einen Moment, sei er auch noch so kurz die Sorgen über Bord zu werfen. Also packten sie im späten September ihre Koffer, fuhren zum Flughafen und verließen gemeinsam das erste Mal das Land. Die Kinder waren vollkommen außer sich und kamen nicht mehr zur Ruhe. Alles war neu und aufregend für sie, weswegen sie ständig von einer Sache zur nächsten huschten, sich alles genau ansahen und mit lauten Rufen auf sich aufmerksam machten.

Doch die Tage verliefen nicht wie John es sich erhofft hatte, denn kaum angekommen verfiel Amanda wieder in alte Muster. Sie weinte lange und ließ sich nicht beruhigen. Wurde wütend und laut, wobei sie wild um sich schlug. Dabei verletzte sie ihren Mann mehr als nur einmal. Für John waren es aber nicht die körperlichen Wunden, sondern die seelischen, die ihm den Mut nahmen. Er konnte nicht mehr, wollte auch nicht. Seine Frau war krank, dessen war er sich bewusster denn je und zum Schutz seiner Kinder würde etwas passieren müssen. Deswegen fasste er einen folgenschweren Entschluss. Nach der Abreise würde er mit den Kindern ausziehen. Weit weg von alledem hier.

Nach der Woche in der Sonne, kehrten die vier Heim. Niemand wirklich glücklich oder erholt, denn die Kinder hatten mehr mitbekommen, als sie sollten. Amanda war sich ihrer Ausfälle bewusst, bereute sie auch beinahe jedes Mal, aber fand keine Lösung. Sie unterlag sich selbst. Und John? John wusste, dass sein Leben, wie er es kannte enden würde und ein neues bevor stünde. Ein Gedanke, der ihn sehr ängstigte.

Amanda wusste, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte, sah aber keinen Grund zur Besorgnis. Auch nicht, als er die Koffer packte und mit den Kindern ins Auto stieg. Etwas irritiert stand sie in der Tür und winkte den dreien ein letztes Mal.

„Wie geht es ihr?“, fragte eine raue Männerstimme.

„Nicht besser oder schlechter als gestern, Sir“. antwortete eine andere.

„Erinnert sie sich an etwas?“

„Wir sind uns nicht sicher. Sie hat sich seit Stunden nicht mehr bewegt, starrt lediglich an die Wand ihrer Zelle und murmelt wirres Zeug.“ Die Stimme zögerte. „Sie scheint ganz ruhig zu sein. Untypisch nach derart grausamen Verbrechen.“

Amanda hob ein letztes Mal die Tasse mit dem Waldfruchttee auf um sie an den Mund zu führen, ohne zu bemerken, dass sie nicht existierte.

Ein bisschen (Welt-)frieden

Heute möchte ich mal mit einer Frage beginnen: Wozu steht ihr morgens auf? Was treibt euch an, die wohlige Bettwärme zu verlassen und der Welt die Stirn zu bieten? „Arbeit“ werden die meisten darauf entgegnen, denn es ist der tägliche Wecker, der uns müde zu unseren Jobs nötigt. Damit möchte ich nicht unterstellen, dass Arbeit keinen Spaß machen kann, aber in dem Moment, wenn der Wecker den neuen Tag einläutet, wird sicher niemand das Bett gerne verlassen. Und all das nur um Geld für das eigene Leben beschaffen. Für manche gerade genug, dass es zum Sterben zu viel ist, für andere hingegen scheint das Sammeln von Nullen hinter der Eins auf dem Kontoauszug wie eine Sucht. Egal zu welcher Gruppe man sich zählen mag, die meisten behalten das was sie haben für sich.

Geld macht angeblich nicht glücklich, wird zumindest immer wieder behauptet, doch wenn ich mich im öffentlichen Leben aufhalte, gibt es kaum etwas, dass nicht direkt oder indirekt an Bezahlung gekoppelt ist. Also befinden wir uns in einem gesellschaftlichen Kreislauf, bestehend aus Geld verdienen und Geld ausgeben, welches andere verdienen um es hoffentlich wieder auszugeben. So sieht es auch die ideale Marktwirtschaft, doch was macht das mit uns Menschen? Wozu führt diese undurchdringliche Parabel des Geldes? Zu überzogenem Egoismus.

Jeder ist sich selbst der nächste, achtet nur auf die eigenen Bedürfnisse und bemüht sich mehr oder weniger legal diese zu befriedigen. Manche gehen dabei über Leichen, andere werden ihr Ziel schlichtweg nie erreichen. Die Zahnräder jedoch drehen sich weiter und weiter. Tag um Tag ein wenig mehr, denn so funktioniert eine Konsumgesellschaft. Was wir nicht haben, wollen wir kaufen und dazu brauchen wir Geld. Viel Geld und vor allem mehr Geld als der blöde Nachbar mit dem neuen Benz, der nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter 2 Wochen Urlaub mit der Familie macht.

Neid ist eine schreckliche Eigenart der Menschen. Ohne anthropologische Kenntnisse zu haben unterstelle ich mal, dass sie dazu diente, unsere Rasse stets nach mehr streben zu lassen. Denn wenn wir etwas wollen, was wir nicht haben, müssen wir zusehen wie wir es bekommen. Hat der Nachbar ein tolles Auto, will ich auch eins. Hat er ein schickes Haus, muss ich renovieren. Hat er die geilere Frau… Ihr wisst worauf ich hinaus will. Oft vergessen wird dabei jedoch, wie sehr wir uns als soziale Intelligenz voneinander entfernen. Unsere Mitmenschen verkommen zu notwendigen Übeln auf dem Weg zur eigenen Verwirklichung. Trittbretter der Karriereleiter und vermutlich ist das auch die Ursache des allgegenwärtigen Burnouts.

Und genau das ist es, was unsere Leistungsgesellschaft hervorgebracht hat: Egoisten und ausgebrannte Zweifler in der Mitte ihres Lebens. Wenn ich ganz ehrlich bin, sehe ich auch keine Anzeichen, dass sich irgendetwas daran ändert; ganz im Gegenteil. Aber ich habe einen Vorschlag, der vieles verbessern würde, wenn auch nicht unumst0ßlich das Problem löst. Ich sage, besinnt euch wieder auf eure Menschlichkeit. Nehmt andere wahr, hört auf ihre Sorgen und scheißt auf Hab und Gut.

Ich bin fest davon überzeugt, dass in uns allen Gutes steckt, wir das nötige Potential in uns haben, aber nicht nutzen. Stellt euch einfach folgendes Szenario vor: Wo früher jeder zunächst an sich gedacht hat, ist es seine Aufgabe für das Wohl seiner Mitmenschen zu sorgen, darauf zu achten, dass es ihnen gut geht und sie sich keine Sorgen machen müssen, ähnlich dem, was eine Mutter für ihr Kind tut. Bringt jene Fürsorge, die ihr üblicherweise an euch selbst praktiziert habt zu den Menschen, die ihr liebt. Sie werden es euch danken.

In der Konsequenz würde sich nämlich nicht nur ein Mensch um dich kümmern, sondern mehrere. Sie achten darauf, dass du hast was du brauchst, keinen Hunger leidest und gesund bleibst – körperlich und geistig. Alles, das du bisher schon tust, nur vielfach potenziert. Wenn du siehst, dass es jemandem schlecht geht, hilf ihm, zeig ihm etwas Nächstenliebe, schenk ihm ein Lächeln oder eine Umarmung. Meistens reicht das aus um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Alle sehnen sich nach Weltfrieden, aber kaum einer ist bereit bei sich selbst damit anzufangen.

Historisch betrachtet sind Kriege und Leid die Folge der oben beschriebenen Verhaltensweisen. Aber mal ganz ehrlich, fiktive Grenzen ändern nichts daran, was für ein Mensch du bist. Der Name deines Landes oder der Gott deiner Religion bestimmen nicht wer du bist. Denn du hast jeden Tag die Chance selbst zu bestimmen, wer du sein möchtest. Du kannst jedes Mal, wenn du den Wecker ausschaltest ein Arschloch sein oder ein guter Mensch. Du musst nur den Mut und die Motivation dazu haben, die Welt besser machen zu können.

Sand im Kaffee

Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Der fahle Geschmack in seinem Mund war keine Hilfe. Zu gerne hätte er all das mit einem kühlen Schluck Bier vergessen. All das. Die Sonne, den Weg, seinen Hunger. Einfach zusammen mit dem vermutlich besten Weizenbräu seines Lebens verzehrt. Am liebsten in seiner Stammbar. Marty vom Tresen hätte ihn sicher schon beim Reinkommen bemerkt und angefangen zu zapfen. Er liebte es derart zuvorkommend zu wirken und genoss jedes einzelne Mal. Doch daraus wurde nichts. Marty, die Bar und alles anderes, dass auch nur im Ansatz etwas Trinkbarem gleichkam waren meilenweit weg. Weiterlesen