Von einer Nebensache, die keine war

Das ich davon überzeugt bin, dass in unserer Gesellschaft so einiges schief läuft, habe ich sicher schon das eine oder andere Mal erwähnt. Heute soll es aber nicht um die Fehlkonstruktion Mensch an sich oder den Blödsinn um die Religionen an sich gehen, sondern um etwas anderes, etwas schöneres. Nämlich Sex. Die schönste Nebensache der Welt, wie man ja ständig hört (Obwohl es bei näherer Betrachtung garkeine Nebensache ist!). Jeder tut es, jeder mag es aber die wenigsten sprechen darüber. Dennoch läuft vieles im Bezug auf den intimsten Kontakt zwischen zwei Menschen schief in unserem sonst so schönen Land.

Habt ihr euch mal an eure Pubertät zurück erinnert? Also die Zeit als das Gesicht voller Pickel war; im Genitalbereich die ersten Haare auftauchten und in jedem ein bisher unbekanntes Interesse am anderen Geschlecht wuchs? Wenn ich nach mir gehe, dann denke ich nicht sonderlich gerne daran zurück. Fast alles aus dieser Zeit ist mir peinlich, allen voran ich selbst. Denn ich war (sofern sich das geändert hat) ein ziemlicher Idiot. Keine Ahnung von Frauen, keinen Plan von Sexualität, aber irgendwie ständig Bock auf beides. Mit dezenter Holzkopf-Attitüde versuchte ich ein ums andere Mal mit den Frauen, die damals noch Mädchen waren, ich meine ich war 13, anzubandeln und scheiterte. Aus heutiger Sicht vollkommen zurecht, denn ich hatte absolut keine Ahnung was ich da machte. Noch weniger wusste ich über mein Objekt der Begierde.

Obwohl ich mir einbilde ein recht cleveres Kerlchen zu sein, hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wie Frauen ticken, was sie denken und wie es ihnen in der Pubertät so geht. Ich verstand nichts von Neigungen, die in mir aufkamen, konnte vieles nicht recht zuordnen und machte mir selbst Vorwürfe nicht normal zu sein. Neben der üblichen „Dein Leben hat noch nicht begonnen“-Depression, die vermutlich jeder im Alter von 11 – 17 durchlebt hat, gebe ich jedoch in Teilen auch dem Bildungssystem die Schuld. Denn obwohl ich in Bayern zur Schule ging und der Bildungsstandart in keinem Bundesland höher ist, muss ich rückwirkend sagen, dass gerade der Sexualkundeunterricht dezent für die Tonne war.

In einer Zeit, in der mir alles fremd vor kam. Mein Körper, meine Gedanken, mein Umfeld, meine Interessen und meine Triebe, ja vielleicht sogar der Umstand, dass ich überhaupt Triebe bekam… Das alles hätte vernünftige Aufklärung einer pädagogischen Fachkraft ins Rechte Licht rücken können. Und ich bilde da sicher noch den Ausnahmefall, denn ich habe ein gesundes Verhältnis zu meiner Sexualität, bin aufgeklärt, tolerant und hetero. Trotzdem fühlte ich mich seltsam, alleine und unverstanden. Wie geht es da bitte Menschen, die in dieser Zeit weiter von der Norm abweichende Fantasien und Gelüste entwickeln, etwa masochistische oder gar sadistische Tendenzen. Erwachsen betrachtet nichts schlimmes, so lange man sich dessen bewusst ist und damit umzugehen weiß. Aber als pubertierender Jungspund mit diesen Gefühlen alleine dazustehen stelle ich mir schrecklich vor.

Noch dramatischer wird es, wenn Homosexualität ins Spiel kommt, die, wie ich glaube, angeboren ist. Denn wenn ich mir den Aufklärungsunterricht auf meiner alten Schule ansehe, dann wurde ein kompletter Teil des sexuellen Spektrums gänzlich ignoriert. Wie furchtbar muss es sich anfühlen, zu wissen, dass man nicht dem vorgezeigten Ideal entspricht. Das man als Mann eben nicht den Geschlechtsverkehr mit Frauen favorisiert, sondern sich zu anderen Männern hingezogen fühlt. Ich halte es für unmenschlich, diese Kinder und Jugendlichen im Regen der gesellschaftlichen Randerscheinung stehen zu lassen. Gerade in diesem Bereich halte ich tolerante und fürsorgliche Aufklärung für absolut notwendig und wichtig.

Mein Vorschlag sieht daher folgendermaßen aus: Liebe Lehrer, trennt eure Klassen nach Geschlechtern auf und sprecht mit ihnen alle Themen der Sexualität durch. Nehmt dabei nichts aus, denn auch „Tabuthemen“ wie Pädophilie, Homosexualität oder den schmalen Grad zwischen SM und Vergewaltigung sollten angesprochen werden. Wieso? Weil alles existiert und der Sinn hinter Aufklärung darin besteht, dass die Schüler im Nachhinein über alle Fassetten Bescheid wissen, damit sie sich das raus ziehen können, was sie persönlich bewegt. Die Geschlechtertrennung dient dem nächsten Aspekt, wie diese Form des Unterrichts besser werden kann: Mädchen interessieren sich für andere Dinge als Jungs. Ohne das Gelächter und Gekicher, haben beide die Möglichkeit sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die sie bewegen ohne vor Scham im Boden zu versinken. Aber genau darum geht es, sie sollen sich ihre Neugier bewahren ohne schlechte Erfahrungen machen zu müssen, weil sie blind in Situationen tappen, die vermeidbar sind.

Wir alle mögen Sex! Aber wenn ich mich als Beispiel nehmen darf, war es ein langer Weg, bis ich mich in diesem Metier wohlgefühlt habe. Sinnvoller Aufklärungsunterricht, der mir nicht vorkaut, wie Mann und Frau ein Baby kriegen, sondern sich darum bemüht Sexualität als das zu zeigen was es ist, hätte mir sicherlich viel Ärger und negative Erfahrungen erspart. Und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht alleine bin.

Todgeweiht 5

Zunächst schauten beide etwas verlegen auf den Teppich unter dem massiven Couchtisch, der ganz danach aussah, als wäre er am Stück aus einem gewaltigen Baumstamm gesägt worden. Seine Oberfläche glänzte, vermutlich weil meine Mutter ihn noch am Morgen poliert hatte, was sie täglich nach dem gemeinsamen Frühstück tat. Sie liebte ihre Rituale und ging völlig darin auf, wenn sie ihnen nachgehen konnte.

Die Bulldogge machte einen trotteligen Eindruck. Alleine dieser Schnauzbart war lächerlich. In einer anderen Situation hätte ich bestimmt hunderte Witze im Kopf gehabt. Sein Gesicht lud förmlich dazu ein, doch jetzt war da gar nichts. Er saß eingefallen auf den Polstern, als würde sein Brustkorb auf dem gewaltigen Wanst ruhen. Kopf und Hals verschmolzen zu einem Hautlappen ohne nähere Bestimmungen zu gestatten. Unter seiner Polizeimütze lugten dünne Strähnen fettiger Haare hervor, einige grau, andere vermutlich braun. Genau war das nicht zu erkennen.

Mein Vater saß daneben wie ein Häufchen Elend, seine Hände ruhten zwischen den Beinen und der Kopf hing desillusioniert herab. Heute morgen bekam er einen Anruf von der Polizei, die ihm alles erzählte. Den Überfall, die Verletzungen, die OP. Einige Zeit saß er im Krankenhaus weil er natürlich Mama sehen wollte, aus erster Hand erfahren wie es ihr geht. Vielleicht auch nur die Hilflosigkeit kaschieren, die ihn quälte. Ich denke nicht, dass es etwas schlimmeres gibt als zu wissen, dass es nichts auf der Welt gibt, dass man tun kann. Er war ein Macher und tatenlos zusehen, das Schicksal seiner großen Liebe in die Hände fremder Menschen zu legen, das alles wühlte ihn auf. Erst jetzt viel mir auf, dass er zitterte. Sein glasiger Blick machte mir Angst.

Der Polizist rutschte seinen gewaltigen Körper in eine etwas aufrechtere Position und schaute mich direkt an. „Hör mal Junge, ich bin leitender Ermittler Michael Lassing und wir werden alles tun, was in unserer Macht steht um deiner Mutter zu helfen. Genauso werden wir alles daran setzen, die Typen zu kriegen, die das waren. Das musst du mir glauben.“ Immer wenn er sprach, schwabbelte seine Hals-Kinn-Falte. Der ganze Typ wirkte wie die Karikatur eines kleineren und weniger dicken Mannes. Seine Worte beruhigten mich kein bisschen, sie machten es schlimmer. All die Wut in mir flammte erneut auf, denn der fette, schmierige Polizist konnte auf keinen Fall das Beste sein, dass die örtliche Polizei zu bieten hatte. Er bot mir keine Zuversicht und in spürte Verachtung aufkommen, weswegen ich lediglich nickte.

„Zur Zeit wissen wir noch nicht viel, außer das deine Mutter von mindestens einem Täter überfallen wurde. Da nichts gestohlen wurde, gehen wir derzeit von einem gezielten Verbrechen aus. Es gab keinerlei Zeugen aber wir gehen jeder Spur nach.“ Mir blieb der Atem weg. Ein Angriff? Wieso? Wer könnte ihren Tod wollen? Meine Mutter war ein guter Mensch, sie hatte keine Feinde, niemanden verärgert also warum wurde sie auf der Straße ohne Grund erstochen?

„Was?,“ fragte ich. „Sie sagen jemand WOLLTE, dass sie verletzt wird?“ Mit der Kraft eines Orkans übermannten mich meine Emotionen. Die Kiste befand sich nicht länger auf dem Dachboden, wo sie Staub ansetzte, sondern in meiner Magengrube, und sie war weit geöffnet. Wut, Trauer, Angst und Hilflosigkeit mischten sich zu einem Gefühlscocktail zusammen, der jeden Moment losbrechen würde, wenn ich doch nur gewusst hätte wie. Mit letzter Kraft versuchte ich mich zu beherrschen, denn niemandem wäre mit einem Zusammenbruch geholfen. „Gibt es irgendwas, dass Sie uns sagen können?“ wollte ich wissen, wobei ich mich um einen freundlichen Ton bemühte.

„Nein, leider haben wir kaum Anhaltspunkte, aber die Spurensicherung sucht gerade den Tatort ab und informiert mich, sobald es etwas Neues gibt.“Etwas an ihm hatte sich verändert. Ich schenkte seinen Worten Glauben. „Hast du vielleicht eine Idee, wer deiner Mutter schaden wollte? Egal wie banal es scheinen mag, jeder Hinweis könnte eine Spur sein. Denk bitte genau nach.“

Das tat ich. In Gedanken ging ich die letzten Jahre durch, alles was sie mir über die Arbeit, die Kollegen, ihre Freundinnen und die langweiligen Shopping-Geschichten je erzählt hatte, prüfte ich auf Relevanz. Vergeblich. Bei genauerem Nachdenken schien sie mir eine Heilige zu sein. „Nein,“ entgegnete ich etwas enttäuscht. „Mir fällt niemand ein, der Ärger mit ihr hatte. Sie kam immer mit allen gut aus.“ Dann grub ich mein Gesicht in die Handflächen und weinte bitterlich. Die Gefühle brachen aus, auf dem einzigen Weg, der ihnen in den Sinn kam.

Mein Vater erhob sich aus seinem katatonischen Zustand: „Hören Sie, Herr Lassing, so wie es aussieht kann der Darryl Ihnen auch nicht weiterhelfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir jetzt etwas Zeit für uns brauchen.“

Todgeweiht 4

Natürlich hatte mein Verstand eine solche Fantasie in meinen Kopf gepflanzt, aber sie jetzt ausgesprochen zu hören machte mir Angst. Ich liebte meine Mutter und wollte mir nicht ausmalen, wie mein Leben ohne sie aussehen würde. Wut mischte sich mit Verzweiflung und traf mich wie ein Schlag, weshalb mir dicke Tränen aus den Augen schossen.

„Nein,“ brüllte ich in den Raum. „Das kann nicht sein. Nein, verdammt.“ Ich hoffte die Worte würden mir Recht geben. Mir wurde heiß und meine Lungen fassten keine Luft mehr – Ich musste dringend aus dem winzigen Büro. Ohne etwas zu sagen stürmte ich durch die Tür und hinterlies drei ratlose Gestalten, die sich nun hilfesuchend Blicke zu warfen.

Ich rannte so schnell mich meine Füße tragen konnten nach draußen, an den einzigen Ort, der mir jetzt richtig schien. Die alte Eiche auf dem Schulhof. Dort angekommen lehnte ich mich mit dem Gesicht daran und gab mich den Tränen hin. Eine nach der anderen tropfte in den Schnee und schmolz winzige Tunnel hinein. „Bitte lass alles gut werden. Bitte, ich flehe dich an.“ murmelte ich halb zu mir, halb zur Eiche, dabei bohrte ich meine Finger tief in die steif gefrorene Rinde. Mehrfach schlug ich mit der geballten Faust dagegen, ehe mir schwarz vor Augen wurde und ich das Bewusstsein verlor.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich das Gesicht meines Vaters über mir. Es wirkte vernebelt und nicht real, ähnlich der Welt, durch das beschlagene Badfenster. Seine Stimme drang dumpf in mein Ohr ohne die Bedeutung der Worte zu verraten. „Was…“, setzte ich an und versuchte die Situation zu verstehen. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Wo war ich und was war passiert? Hatte ich mir das mit meiner Mutter nur eingebildet oder ist es wirklich passiert. Schon wieder füllten sich meine Augen.

Doch als mein Vater sein Gesicht nicht entspannte musste ich erkennen, dass ich wohl ohnmächtig geworden war. „Oh mein Gott, geht es dir gut?“ Die Stimme erkannte ich. Zwar dumpf, wie durch Watte, aber sie schien mir vertraut: Frau Haderloh. Ich war also immer noch in der Schule. Mein Blick klarte sich langsam auf und ich stellte fest, dass ich auf einer dieser unbequemen Sitzkonstruktionen auf den Heizkörpern im Schulflur lag. Wie sie mich wohl hier hin gebracht haben?   Die Augen meines Vaters waren rot und aufgequollen, aber er bemühte sich zu lächeln:“Ruh dich noch ein wenig aus, dann fahren wir nach Hause.“

Wenig später saßen wir im Auto und fuhren den kurzen Weg zu unserem Haus. Er erklärte mir, dass es noch keine Neuigkeiten von meiner Mutter gab und wir nun geduldig sein müssen. Egal was passiert, er wäre für mich da. Verständlicherweise beruhigte mich das überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Solche Sätze sagen die Leute nur in den schlimmsten Fällen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist, weil in guten Zeiten keine Notwendigkeit besteht Rückhalt zu bekunden. Aber ich wollte mir keinen „Worst Case“ ausmalen, denn das würde den Tod meiner Mutter bedeuten. Wer könnte so etwas wollen?

In der Einfahrt wartete bereits ein Streifenwagen der Polizei. War nicht auch ein Polizist mit in der Schule? Fragend blickte ich Paps an. „Bleib bitte im Wagen, ich klär das.“ sagte mein er und stieg aus. Unmöglich zu erkennen, worüber er mit dem Fahrer des anderen Fahrzeugs sprach, aber beide wirkten niedergeschlagen. Nachvollziehbar, wenn man die Umstände bedenkt.

Dann drehte er sich in meine Richtung und gestikulierte mich aus dem Auto. Ohne weiter nachzudenken stieg ich aus und folgte den beiden Männern ins Haus. Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte, fühlte mich innerlich zerkratzt und leer. Als lägen all meine Emotionen in einer Kiste auf dem Dachboden, gefährdet nie wieder das Tageslicht erblicken zu dürfen. Es war grässlich und ich fühlte mich wie ein riesiger Holzklotz.

Die beiden setzten sich im Wohnzimmer nebeneinander auf die Couch, die meine Mutter letztes Jahr nach endlosen Debatten mit meinem Vater endlich bestellt hatte. Sie liebte das cremefarbene Blumenmuster darauf. Wie bei allem legte sie viel Wert auf die Details. Kleine verspielte Muster hier, der eine oder andere Kringel dort und am Besten alles im Einklang zueinander. Mein Vater hingegen war eher der Pragmat, weswegen seine ideale Couch möglichst groß und bequem sein musste. Doch er konnte ihr keinen Wunsch wirklich lange abschlagen und in Folge dessen saßen nun ein Polizist, der einer Bulldogge nicht unähnlich sah und mein er auf der weißen Couch mit dem schicken Blumenmuster.

Der uniformierte Mann kratzte sich auffällig seinen mächtigen Schnauzbart. „Als ob man da noch extra drauf hinweisen muss!“, dachte ich und setzte mich in den farblich abgestimmten Sessel.

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Todgeweiht 3

Der Winter brachte eine bezaubernde Melancholie über alles. Die Eiche war blattlos und dunkel, doch im Kontrast zum verschneiten Boden war sie wunderschön. Die knorrigen Äste wogen im Wind und einzelne Schneeflocken tänzelten unbeirrt umher. Letzte Nacht schneite es dicke Flocken und nun sah alles aus wie mit Marshmallow-Creme überzogen. Während Herr Braun gerade beim Buchstaben G verweilte, driftete ich in Gedanken ab. Das würde noch ewig dauern. Ich konnte meinen Blick nicht von der tanzenden Eiche nehmen. Die Schule wollte sie eigentlich fällen lassen, weil das Wurzelwerk die Turnhalle beschädigen könnte, aber zum Glück war das Betriebsamt dagegen. Diese Welt ist öde und trist genug, da macht es kaum Sinn die letzten Reste grüner Natur zu entfernen.

Plötzlich wurde es still in der Klasse, zu still. Herr Braun hatte aufgehört Namen zu verlesen und alle drehten ihre Köpfe zu mir. „Darryl, kommst du bitte mit mir? Ich muss dringend mit dir sprechen.“ Frau Haderloh, die Direktorin, wirkte etwas aufgelöst. Sie stand mit verschränkten Armen in der offenen Tür und starrte in meine Richtung. Etwas perplex fragte ich: „Was ist denn los? Hab ich was angestellt?“

„Nein, nein, keine Sorge. Nur muss ich dringend mit dir alleine sprechen, also wärst du so freundlich mich zu begleiten?“ Irgendetwas an ihr machte mir Angst.

Brian warf mir noch einen fragenden Blick zu als ich aufstand, den ich mit einem Schulterzucken beantwortete. „Ok, gehen wir.“

Während ich ihr näher kam, konnte ich sehen, dass ihre Augen feucht waren. Ihr unpassendes Make-Up war verschmiert und ihre Mundwinkel waren zu einer dünnen Linie zusammen gepresst. Frau Haderloh war in Ordnung, sie behandelte alle immer fair und lies ihre Launen nicht an den Schülern aus. Sie tat mir etwas leid, weil ihr Erscheinungsbild in diesem Augenblick furchtbar war.

„Was ist denn los?“ fragte ich ratlos.

„Es ist etwas passiert, aber das besprechen wir nicht vor der Klasse.“

Das machte mich nur noch nervöser. Sie öffnete die Tür und wies mich an zu gehen.

Da sie mir nicht direkt sagen wollte worum es ging, folgte ich ihr nachdenklich. Was konnte geschehen sein? Wieso so ein Aufriss? Die meisten Dinge hätte sie auch vor der Klasse mit mir besprechen können oder wenigstens vor dem Klassenraum. Aber sie bestand darauf, dass wir in ihr Büro im Nebengebäude gehen.

Die Unwissenheit machte mich wahnsinnig, so dass die hässlich braunen Flure mit ihrer Linoleumauskleidung unendlich lang wirkten. Allmählich machte sich Unbehagen in Form eines verdrehten Magens in mir breit. Immer wieder spielte ich alle Möglichkeiten durch, die diesen Aufriss rechtfertigten, doch mir wollte einfach nichts einfallen. In diesem Moment hasste ich meinen Verstand dafür, dass ihm zunächst die schlimmsten Szenarien einfielen. Nun machte ich mir auch noch Sorgen.

Als wir nach einer Ewigkeit der Anspannung endlich das Direktorenbüro erreichten, stellte ich überraschend fest, dass mein Vater ebenfalls anwesend war. Mit gesenktem Kopf stand er da und blickte den Boden an. Als er mich sah, drückte er mich fester, denn je und ich spürte, dass er am ganzen Leib zitterte. „Es geht um deine Mutter,“begann er mit wimmernder Stimme. Tränen schossen ihm aus den Augen und verhinderten, dass er den Satz zu Ende sprechen konnte.

Die Direktorin schloss die Tür und lehnte sich an ihren Schreibtisch. Diese ganze Situation machte mir inzwischen mehr als nur Bauchschmerzen. Ich hatte meinen Vater noch nie so gesehen. Bis heute hatte ich angenommen, dass er ein verschlossener und emotionskalter Typ sei, doch hier wirkte er zerbrechlich und aufgelöst.

„Was zum Teufel ist los?“, platzte es aus mir heraus. „Bitte, ich halte das nicht mehr aus. Was ist los?“

Mein Vater legte mir seine Arme auf die Schultern und schaute mir in die Augen. Mir wurde bewusst, dass so etwas in den letzten 15 Jahren noch nie vorkam. Unser Verhältnis war ok, aber sicherlich nicht das Beste. Die anderen Jungs hatten eine engere Bindung zu ihren Vätern, manche sogar zu ihren Stiefvätern. Doch Paps und ich koexistierten eher im Umkreis meiner Mutter. Er und ich hatten kaum gemeinsame Interessen und bislang war es für beide Seiten vollkommen in Ordnung. Doch nun stand er da und starrte mich mit tränenüberlaufenen Augen an.

Die Absurdität der ganzen Situation trieb mir ebenfalls das Wasser in die Augen. „Hör mal, heute morgen ist etwas Schreckliches passiert.“, setzte die Direktorin die Worte meines Vaters fort. „Deine Mutter wurde beim Einkaufen überfallen. Die Täter griffen aus heiterem Himmel mit Messern an und konnten unbemerkt fliehen. Sie wird gerade im Krankenhaus operiert.“

„Wir tun, alles was in unserer Macht steht um die Kerle zu finden, die deiner Mutter das angetan haben.“ Die unbekannte Stimme gehörte zu einem Polizisten, der sich bisher in der Ecke des Raumes befand. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte so viele Fragen, so wenig Antworten und keine Ahnung wie ich mich fühlen sollte.

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Todgeweiht 2

„Findest du das etwa witzig?“, keifte Herr Braun, als er das sah. Er war der Archetyp des verhassten Lehrers. Ein Mann der alten Schule, der zu jeder Zeit bedauerte, dass die Züchtigung durch den Rohrstock keine gängige Praxis mehr war. Niemand wusste viel über ihn privat, auch wenn seine überzogen strenge und sadistische Art ein gewisses Bild vermittelten. Leute die zu spät kamen, dem Unterricht nicht angemessen folgten, ihre Hausaufgaben nicht machten oder sich auf Fragen nicht meldeten, verachtete er aus tiefster Seele. Streber oder Typen, die beim Melden mit Schnippen oder anderen Geräuschen um Aufmerksamkeit bettelten, konnte er genauso wenig leiden. Lediglich mit einzelnen Schülern stand er nicht auf Kriegsfuß. Wieso er überhaupt Lehrer wurde, fragen sich viele. Auch unter seinen Kollegen, warf diese Frage ein Rätsel auf.

„Nein, natürlich finde ich das nicht zum Lachen und es tut mir Leid, aber mein Versäumnis darf nicht zu Lasten der anderen gehen, weswegen ich Sie bitten würde jetzt mit dem Unterricht zu beginnen.“ sagte ich, etwas stolz ohne die missgünstigen Blicke meiner Mitschüler zu bemerken.

Herr Braun runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen gefährlich zusammen. „Willst du mir etwa diktieren, wann ich meinen Unterricht zu halten habe? Hab gefälligst etwas mehr Respekt, Junge. Erst zu spät kommen und dann auch noch frech werden.“ Seine Stimme erhob sich zunehmend und er stützte sich mit den Armen auf das Pult. „Das wird ein Nachspiel für dich haben. So lasse ich nicht mit mir umgehen, hast du das verstanden?“

Einen Moment fragte ich mich, ob irgendein sexueller Komplex den alten Mann quält, den er statt eines Sportwagens mit gequälten Schülern kompensiert, ließ den Gedanken aber zu Gunsten einer angemessenen Reaktion fliegen. „Ja, habe ich. Bitte entschuldigen Sie. So etwas wird nicht wieder vorkommen.“ Ich bemühte mich dabei ernst und aufrichtig auszusehen, auch wenn dies absolut nicht meinen Gefühlen entsprach. Aber er hat es mir abgekauft und lockerte seine Stirnfalten. Schrecklich wenn ein Tag mit so viel Anspannung beginnt, dachte ich und lehnte mich in meinen Stuhl.

Herr Braun begann seinen Unterricht wie üblich mit dem rituellen Vorbereiten seines Pults. Zunächst legte er seine Armbanduhr auf den Tisch, holte dann die Unterrichtsblätter, eine Brotdose und die orange-weiße Thermokanne, die aussah als hätte er sie schon als Student benutzt, aus seiner runzeligen Ledertasche. Nachdem er alles fein säuberlich zurechtgelegt hatte, schlug er das Klassenbuch auf und begann mit der lächerlichen Anwesenheitskontrolle. Lächerlich deswegen, weil er alle Schüler kannte und er auch die Plätze auf denen sie saßen kannte. Trotzdem bestand er jeden Tag darauf die alphabetische Liste vorzulesen und auf die Reaktionen zu warten. Und da gibt es ernsthaft Leute, die sich fragen, was an unserem Schulsystem falsch läuft.

„Psst!,“ zischte Brian von nebenan. Vorsichtig schaute er sich um und warf mir dann einen kleinen gefalteten Zettel in zu. Was wollte er denn jetzt? Ich konnte heute keinen weiteren Ärger gebrauchen also lies ich ihn mit einer aufgeregten Geste wissen, dass er mich bitte zufrieden lassen sollte. „Alter, es ist wichtig!“ flüsterte er als Antwort. Manchmal konnte er wirklich penetrant sein und bevor ich ihm einen Grund gab so richtig Aufmerksamkeit zu erregen, hob ich vorsichtig den Zettel auf, der nur knapp neben meinem Tisch gelandet ist. Ganz zaghaft schob ich meinen Schuh auf das Papier und holte es mit einer galanten Bewegung in meine Armreichweite. Dezent rutschte ich auf meinem Stuhl umher, bis ich die richtige Position gefunden hatte um den Schnippsel unauffällig aufzuheben. Auf meinem Schoß entfaltete ich ihn und las die Worte: Wer kommt alles zu deiner Party?

Den folgenden Seufzer konnte ich nicht unterdrücken. Brian war oft ein Idiot, aber er war liebenswert und deswegen nahm ich ihm diese blöde Aktion nicht übel. Natürlich hätte er mich das auch in der Pause fragen können, aber als meinen besten Freund interessierte ihn das genauso wie mich. Nur hatte ich noch immer keine Antwort auf diese Frage. Es gab natürlich Optionen, aber keinen Plan. 10 sind einfach viel zu wenig um alle unter einen Hut zu bekommen. Wenn ich dann noch auf die einzelnen Präferenzen wert lege, wird es nur noch komplizierter. Es ist zum verzweifeln. Vielleicht sollte ich mir einfach mit Brian ein paar Bier und einen x-beliebigen Zombie-Slasherfilm reinziehen. Dann wäre niemand sauer, weil er nicht eingeladen wurde. Allerdings wären dann alle sauer, weil sie nicht eingeladen wurden. Verdammt. Ich musste mir dringend etwas überlegen.

Mit dem Zettel in der Hand starrte ich aus dem Fenster. Die große Eiche im Vorhof faszinierte mich und immer wenn ich nachdenklich oder gelangweilt war schaute ich sie an. Sie faszinierte mich, entriss mich aus dem Alltag und spendete mir in hektischen Zeiten einen Augenblick des Innehaltens.

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