Todgeweiht 1

Ich möchte mich kurz vorstellen, mein Name ist Darryl Morgen und ich bin tot. Irgendwie zumindest. Aber vielleicht fange ich vorne an.

Wenn ich mich recht erinnere begann das alles nämlich recht harmlos. Wie jedem Dienstag ging ich über den steinigen Feldweg zur Schule. Ich mochte die Ruhe der Natur, denn der Weg führte an grünen Wiesen, dem Dickicht des Kiefernwaldes und den duftenden Brombeersträuchern vorbei. Je nach Jahreszeit entfaltete dieser schmale Pfad seinen individuellen Zauber. Von den herrlichen Gerüchen im Sommer hin zum farbenfrohen Herbst, machte der Winter mit dicken Schneedecken die Welt irgendwie friedlicher, doch am liebsten mochte ich schon immer den Frühling. Alles erwachte allmählich aus dem Winterschlaf und begann den eigenen Lebenszyklus aufs Neue. Manchmal wünschte ich mir, dass ich das auch könnte.

In zwei Woche werde ich 16 und ich hab immer noch keinen Plan wen ich einladen sollte. Ihr müsst wissen, dass so etwas nicht leichtfertig entschieden ist. Alles was ich jetzt mache, entscheidet über meine Zukunft. Meine Mum hat mir nur 10 Gäste erlaubt, weil unsere Wohnung so klein ist. Paps war es mal wieder egal. Zumindest hat er so getan, denn abends konnte ich die beiden durch die dünne Wand zu meinem Zimmer streiten hören. Nur habe ich nicht verstanden was genau er für ein Problem hatte. Dafür stritten sie auch zu oft und meistens wegen mir. Natürlich wegen mir. Ich habe keine Geschwister und somit bin ich der einzige Problemfaktor in einer ansonsten perfekten Welt.

Man sollte meinen ich gehe nicht gerne zur Schule, weil das nur was für die Nerds und Streber ist, aber ehrlich gesagt mag ich es dort. Ich komme gut mit den anderen in meiner Klasse zurecht, auch wenn einige von ihnen echt schräg sind. Damien zum Beispiel sammelt Spinnen und Schlangen. Urhgh, mich schüttelt es schon bei dem Gedanken… Aber er ist ein netter Kerl, was vollkommen ausreicht, schließlich haben wir doch alle unsere seltsamen Angewohnheiten, oder nicht? Mein bester Freund ist Brian. Er ist etwas seltsam, vermutlich weil er so schüchtern ist und kaum auf Partys geht. Seine Zeit verbringt er lieber über Comics oder am PC. Aber wenn man sich an der Schale vorbei gekämpft hat, ist er ein echt cooler Typ, der für seine Freunde alles tun würde. Davon gibt es leider viel zu wenig auf der Welt, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Schulglocke läutete kurz nachdem ich durch die große Eingangstür ging und wies mich dezent darauf hin, dass ich mal wieder zu spät dran war. Also hetzte ich so schnell ich konnte in die Klasse, wo unser Lehrer, Herr Braun, natürlich schon auf mich wartete. Wenn man so will ist zu spät kommen mein Ding. Im Schnitt passiert das 3-4 Mal die Woche und ich hasse es, wenn das passiert. Natürlich nicht so sehr wie mein Lehrer, der im ganzen Kollegium und vor allem bei den Schülern berüchtigt ist für seine altbackenen Methoden. Sein Bart sprenkelte die dicken Falten in seinem Gesicht grau-weiß. Sein Auge begann immer leicht zu zittern, wenn er sich aufregte. Und genau das passierte um 8:02 Uhr an einem ansonsten unspektakulären Dienstag.

„Na schaut mal an, wer da mal wieder zu spät kommt“, brüllte er halb zu mir, halb zur Klasse. „Nen Uhrmacher als Vater aber die Zeit nicht lesen können, was?“ Obwohl zwischen ihm und mir locker 4 Meter lagen, konnte ich seinen muffigen Atem riechen. Dieser säuerliche Gestank brannte sich in meiner Nase fest und würde dort den gesamten Tag verbleiben.

„Bitte entschuldigen Sie,“ begann ich auf der Suche nach einer unverbrauchten Ausrede. „Aber ich wurde aufgehalten von… ähm… ich bin… also, wissen Sie“, stammelte ich  den Satz zu Ende. Mir wollte nichts plausibles einfallen und wieso zur Hölle brachte er immer wieder den Bezug zu meinem Vater. Als ob er mich jeden Tag mit Uhren spielen lässt und mir zum Einschlafen Uhrzeiten vorliest. Idiot!

Irgendwie steckte ich an jenem Morgen zu sehr in Gedanken. Die Sache mit meinem Geburtstag machte mir echt zu schaffen. „Entschuldigen Sie, ich bin zu spät und es tut mir Leid. Wird nicht wieder vorkommen.“ Ohne seine Reaktion abzuwarten ging ich zu meinem Platz, setzte mich hin und wartete ab. Die anderen nahmen das mit müdem Desinteresse wahr. Die ersten Male war es noch spannend für sie, zu sehen wie ich so richtig zusammen geschissen werde, aber jetzt? Das Halbjahr ist schon fast um und damit hatte der Verlauf schon eine gewisse Routine.

Aus dem Augenwinkel sah ich wie Brian nur mit dem Kopf schüttelte und dabei heimlich mit hinter seinem Rucksack versteckten Kopf die gestrigen Hausaufgaben nachholte. Auch das war typisch für ihn, weswegen ich mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

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