Von einer Nebensache, die keine war

Das ich davon überzeugt bin, dass in unserer Gesellschaft so einiges schief läuft, habe ich sicher schon das eine oder andere Mal erwähnt. Heute soll es aber nicht um die Fehlkonstruktion Mensch an sich oder den Blödsinn um die Religionen an sich gehen, sondern um etwas anderes, etwas schöneres. Nämlich Sex. Die schönste Nebensache der Welt, wie man ja ständig hört (Obwohl es bei näherer Betrachtung garkeine Nebensache ist!). Jeder tut es, jeder mag es aber die wenigsten sprechen darüber. Dennoch läuft vieles im Bezug auf den intimsten Kontakt zwischen zwei Menschen schief in unserem sonst so schönen Land.

Habt ihr euch mal an eure Pubertät zurück erinnert? Also die Zeit als das Gesicht voller Pickel war; im Genitalbereich die ersten Haare auftauchten und in jedem ein bisher unbekanntes Interesse am anderen Geschlecht wuchs? Wenn ich nach mir gehe, dann denke ich nicht sonderlich gerne daran zurück. Fast alles aus dieser Zeit ist mir peinlich, allen voran ich selbst. Denn ich war (sofern sich das geändert hat) ein ziemlicher Idiot. Keine Ahnung von Frauen, keinen Plan von Sexualität, aber irgendwie ständig Bock auf beides. Mit dezenter Holzkopf-Attitüde versuchte ich ein ums andere Mal mit den Frauen, die damals noch Mädchen waren, ich meine ich war 13, anzubandeln und scheiterte. Aus heutiger Sicht vollkommen zurecht, denn ich hatte absolut keine Ahnung was ich da machte. Noch weniger wusste ich über mein Objekt der Begierde.

Obwohl ich mir einbilde ein recht cleveres Kerlchen zu sein, hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wie Frauen ticken, was sie denken und wie es ihnen in der Pubertät so geht. Ich verstand nichts von Neigungen, die in mir aufkamen, konnte vieles nicht recht zuordnen und machte mir selbst Vorwürfe nicht normal zu sein. Neben der üblichen „Dein Leben hat noch nicht begonnen“-Depression, die vermutlich jeder im Alter von 11 – 17 durchlebt hat, gebe ich jedoch in Teilen auch dem Bildungssystem die Schuld. Denn obwohl ich in Bayern zur Schule ging und der Bildungsstandart in keinem Bundesland höher ist, muss ich rückwirkend sagen, dass gerade der Sexualkundeunterricht dezent für die Tonne war.

In einer Zeit, in der mir alles fremd vor kam. Mein Körper, meine Gedanken, mein Umfeld, meine Interessen und meine Triebe, ja vielleicht sogar der Umstand, dass ich überhaupt Triebe bekam… Das alles hätte vernünftige Aufklärung einer pädagogischen Fachkraft ins Rechte Licht rücken können. Und ich bilde da sicher noch den Ausnahmefall, denn ich habe ein gesundes Verhältnis zu meiner Sexualität, bin aufgeklärt, tolerant und hetero. Trotzdem fühlte ich mich seltsam, alleine und unverstanden. Wie geht es da bitte Menschen, die in dieser Zeit weiter von der Norm abweichende Fantasien und Gelüste entwickeln, etwa masochistische oder gar sadistische Tendenzen. Erwachsen betrachtet nichts schlimmes, so lange man sich dessen bewusst ist und damit umzugehen weiß. Aber als pubertierender Jungspund mit diesen Gefühlen alleine dazustehen stelle ich mir schrecklich vor.

Noch dramatischer wird es, wenn Homosexualität ins Spiel kommt, die, wie ich glaube, angeboren ist. Denn wenn ich mir den Aufklärungsunterricht auf meiner alten Schule ansehe, dann wurde ein kompletter Teil des sexuellen Spektrums gänzlich ignoriert. Wie furchtbar muss es sich anfühlen, zu wissen, dass man nicht dem vorgezeigten Ideal entspricht. Das man als Mann eben nicht den Geschlechtsverkehr mit Frauen favorisiert, sondern sich zu anderen Männern hingezogen fühlt. Ich halte es für unmenschlich, diese Kinder und Jugendlichen im Regen der gesellschaftlichen Randerscheinung stehen zu lassen. Gerade in diesem Bereich halte ich tolerante und fürsorgliche Aufklärung für absolut notwendig und wichtig.

Mein Vorschlag sieht daher folgendermaßen aus: Liebe Lehrer, trennt eure Klassen nach Geschlechtern auf und sprecht mit ihnen alle Themen der Sexualität durch. Nehmt dabei nichts aus, denn auch „Tabuthemen“ wie Pädophilie, Homosexualität oder den schmalen Grad zwischen SM und Vergewaltigung sollten angesprochen werden. Wieso? Weil alles existiert und der Sinn hinter Aufklärung darin besteht, dass die Schüler im Nachhinein über alle Fassetten Bescheid wissen, damit sie sich das raus ziehen können, was sie persönlich bewegt. Die Geschlechtertrennung dient dem nächsten Aspekt, wie diese Form des Unterrichts besser werden kann: Mädchen interessieren sich für andere Dinge als Jungs. Ohne das Gelächter und Gekicher, haben beide die Möglichkeit sich mit den Themen auseinanderzusetzen, die sie bewegen ohne vor Scham im Boden zu versinken. Aber genau darum geht es, sie sollen sich ihre Neugier bewahren ohne schlechte Erfahrungen machen zu müssen, weil sie blind in Situationen tappen, die vermeidbar sind.

Wir alle mögen Sex! Aber wenn ich mich als Beispiel nehmen darf, war es ein langer Weg, bis ich mich in diesem Metier wohlgefühlt habe. Sinnvoller Aufklärungsunterricht, der mir nicht vorkaut, wie Mann und Frau ein Baby kriegen, sondern sich darum bemüht Sexualität als das zu zeigen was es ist, hätte mir sicherlich viel Ärger und negative Erfahrungen erspart. Und ich bin mir sicher, dass ich damit nicht alleine bin.