Amanda

Amanda saß auf ihrer Terrasse, wie sie es jeden Samstag tat. Sie blickte über das weite Feld und erfreute sich an der Wärme des Tages. Mit kräftigen Zügen sog sie die frische Herbstluft, die sich leicht mit dem Teearoma vermengte, auf. Keine Frage, dieser Tag war auf dem Besten Weg ein unvergesslicher zu werden, doch nicht so, wie Amanda sich das erhoffte. Während ein leichter Windzug aufkam, erinnerte sie sich an die letzten Jahre zurück. Dabei dachte sie an ihren Mann und die beiden Kinder. Sie sah sie auf der Wiese vor dem Haus herum tollen, sich fangend und laut lachend. So sah sie ihre Familie am liebsten.

Bei der Küchenarbeit schaute sie immer durch das kleine runde Fenster, dass den Garten zeigte. Während sie Gemüse schnitt und ihre Kinder umher rannten, als wäre der Teufel hinter ihnen her, war Amanda für einen kleinen Moment vollkommen im Reinen mit sich. Sie vergaß den Schmerz und die Wut, die in ihr steckten. Nur für diesen winzigen Augenblick des Tages, war alles in Ordnung. Ihr Platz in diesem Universum war mit Watte ausgekleidet und niemand könnte ihr Leid zufügen. Vor allem sie selbst nicht.

Doch diese Momente waren selten. Sehr selten, denn Amanda war krank, sehr krank, weshalb sie häufig weinte und schrie. Immer wieder musste John Ärzte holen, weil sie in der Nacht Anfälle bekam und er befürchtete, seine geliebte Frau wäre des Todes. Und jedes Mal sagten die Mediziner dasselbe zu ihm. Er sollte ihr echte Hilfe besorgen, sie unter Aufsicht stellen und sich mit den Kindern in Sicherheit bringen. Doch er weigerte sich, dementierte, dass Amanda so krank sei und hoffte insgeheim auf Besserung. „Ich habe ihr die Treue geschworen, in guten wie in schlechten Zeiten“. Immer wieder sagte er sein Ehegelübte in seinem Geist auf, weil er hoffte, sich selbst damit Mut und Kraft zu machen. Manchmal klappte es sogar, meistens jedoch nicht.

Amanda nahm einen Schluck aus der weißen Porzellantasse und schmeckte die köstlichen Aromen von Brombeeren und Johannisbeeren in ihrem Mund. Über dem Tee bildete sich zarter Nebel, der im Sonnenlicht emsig funkelte. Die Ähren des Weizenfeldes wogen seicht im Wind umher, wobei sie ein betörendes Rauschen abgaben, dass Amanda an eine kleine Bucht erinnerte, wo sie mal Urlaub gemacht hatten. In diesem Jahr, dass alles verändern sollte.

John buchte gegen den Rat der Ärzte einen Familienurlaub in der Toskana, weil er davon überzeugt war, dass ihr ein Tapetenwechsel gut tun würde. Und auch für die Kinder war es eine gelungene Abwechslung, durch den warmen Sand waten zu können und für einen Moment, sei er auch noch so kurz die Sorgen über Bord zu werfen. Also packten sie im späten September ihre Koffer, fuhren zum Flughafen und verließen gemeinsam das erste Mal das Land. Die Kinder waren vollkommen außer sich und kamen nicht mehr zur Ruhe. Alles war neu und aufregend für sie, weswegen sie ständig von einer Sache zur nächsten huschten, sich alles genau ansahen und mit lauten Rufen auf sich aufmerksam machten.

Doch die Tage verliefen nicht wie John es sich erhofft hatte, denn kaum angekommen verfiel Amanda wieder in alte Muster. Sie weinte lange und ließ sich nicht beruhigen. Wurde wütend und laut, wobei sie wild um sich schlug. Dabei verletzte sie ihren Mann mehr als nur einmal. Für John waren es aber nicht die körperlichen Wunden, sondern die seelischen, die ihm den Mut nahmen. Er konnte nicht mehr, wollte auch nicht. Seine Frau war krank, dessen war er sich bewusster denn je und zum Schutz seiner Kinder würde etwas passieren müssen. Deswegen fasste er einen folgenschweren Entschluss. Nach der Abreise würde er mit den Kindern ausziehen. Weit weg von alledem hier.

Nach der Woche in der Sonne, kehrten die vier Heim. Niemand wirklich glücklich oder erholt, denn die Kinder hatten mehr mitbekommen, als sie sollten. Amanda war sich ihrer Ausfälle bewusst, bereute sie auch beinahe jedes Mal, aber fand keine Lösung. Sie unterlag sich selbst. Und John? John wusste, dass sein Leben, wie er es kannte enden würde und ein neues bevor stünde. Ein Gedanke, der ihn sehr ängstigte.

Amanda wusste, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte, sah aber keinen Grund zur Besorgnis. Auch nicht, als er die Koffer packte und mit den Kindern ins Auto stieg. Etwas irritiert stand sie in der Tür und winkte den dreien ein letztes Mal.

„Wie geht es ihr?“, fragte eine raue Männerstimme.

„Nicht besser oder schlechter als gestern, Sir“. antwortete eine andere.

„Erinnert sie sich an etwas?“

„Wir sind uns nicht sicher. Sie hat sich seit Stunden nicht mehr bewegt, starrt lediglich an die Wand ihrer Zelle und murmelt wirres Zeug.“ Die Stimme zögerte. „Sie scheint ganz ruhig zu sein. Untypisch nach derart grausamen Verbrechen.“

Amanda hob ein letztes Mal die Tasse mit dem Waldfruchttee auf um sie an den Mund zu führen, ohne zu bemerken, dass sie nicht existierte.

Meine Woche und ich!

Viel ist passiert in den letzten Tagen. Über die Ereignisse, die mir am ehesten im Kopf hängen geblieben sind, möchte ich heute schreiben. Soweit ich das beurteilen kann, ist von allem ein wenig dabei. Sogar Superhelden könnten spontan wieder zum Thema werden. Doch zunächst ein paar Worte zum aktuellen Stand meiner „Autorenfähigkeiten“. Anführungszeiten deshalb, weil ich mir extrem komisch vorkomme, das was ich mache als das Handwerk eines Autoren zu betiteln. Aber das ist vermutlich eine andere Geschichte und soll ein anderes mal erzählt werden.

Schreiberei

An und für sich läuft es eigentlich ganz gut, aber anhand der ganzen Einschränkungen merkt der geneigte Leser sicher, das das nur die halbe Wahrheit ist. Irgendwie komme ich an fast allen Baustellen nicht mehr weiter. Meine Figuren sind nicht durchdacht und wirken auf mich plump und konstruiert. Die Dialoge, die ich bisher so habe sind gestelzt und überhaupt nicht interessant. Ebenso verhält es sich mit dem Storyverlauf an sich, denn ich habe keinen roten Faden, nichts zu erzählen und irgendwie auch keine Ahnung, worauf all das hinauslaufen soll. Schlüssig bin ich mir lediglich darüber, dass ich 3 Schicksale miteinander verknüpfen möchte. Hinter jedem Handlungsstrang verbirgt sich ein menschliches Problem. Davon habe ich aktuell nur für „den König“ eine Idee, wie das aussehen könnte. Grob gesagt, ist er ein zu gutgläubiger Mensch, der wegen seiner Naivität in die Prämisse gerät, sich zwischen die Rivalität seines besten und ältesten Freund, und seinem inzwischen erwachsenen Adoptivsohn entscheiden zu müssen. Beide buhlen um die Gunst des Königs, ohne das dieser es merkt und trifft letztlich eine folgenschwere Entscheidung, die das Leben aller Verändern wird. In Aidens Fall, geht es um seine Vergangenheit und die Gegenwart, zwischen denen er steht ohne wirklich eine Wahl zu haben. Für March hingegen habe ich noch nichts gefunden, hoffe aber täglich, dass mir etwas Interessantes einfällt.

Naja, soweit ich weiß ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, nur lassen mich die aktuellen Ereignisse daran zweifeln, dass überhaupt einer in mir wohnt. Dafür ist mir im Rahmen der Schreiberei aufgefallen, dass ich zu Metal nicht mehr wirklich arbeiten kann. Zum Bahnfahren oder so ist die Mucke weiterhin der Hit, aber wenn ich mich fokussieren soll, womit ich unfassbare Schwierigkeiten habe, dann ist neuerdings klassische Cello-Musik die Wahl der Stunde. Der liebliche Klang zwischen Violine und Bass ist für mich der perfekte Kompromiss zwischen Trauer und Freude. Musik gewordene Melancholie, genau wie ich es mag. Wunderbar.

Neuerungenschaft der Woche

Ja, ich weiß, ich habe „Schaft“ gesagt. Mal wieder sind zwei Jahre vorbei und mein Mobilfunkanbieter war so frei mir einen besseren Vertrag zu vermachen. Deswegen habe ich neuerdings nicht nur ein geiles Telefon, sondern auch den Streamingdienst Netflix. Die Liebste und ich schauen in letzter Zeit eh überwiegend Serien und weniger Filme, meistens, weil es einfacher ist, immer Nachschub vorhanden ist und somit die langwierige Entscheidungsphase ausfällt. Auch ist die Ausbreitung der Charaktere in Serien deutlich besser, als in Filmen, alleine schon wegen der Zeit. Deswegen können Miniserien für vieles die bessere Lösung sein, um allem die nötigen Freiräume zu geben. Bestes Beispiel: Harry Potter. 7 Staffeln, pro Schuljahr eine mit jeweils 12 Folgen. So ist genug Raum um vollkommen in die magische Welt eintauchen zu können, Nebenfiguren zu etablieren und allem einen gewissen Einklang zu verleihen. Gerade letzteres hat mir den Spaß an den Filmen ziemlich verdorben, denn ohne die Kenntnisse aus den Büchern (freundlichst mitgeteilt von der Liebsten), verstand ich viele Zusammenhänge nicht, was Schade ist.Aber das nur als Tipp für irgendwen, der sich der Sache nochmal annehmen möchte.

Jetzt da ich also über das monströse Serienprogramm von Netflix verfüge, habe ich Diverses zum Probieren und den Anfang durfte eine Superheldenserie nehmen, über die ich zwar schon viel gelesen habe, jedoch nichts gesehen. Arrow heißt das gute Stück und erzählt die Geschichte von Oliver Queen, der als neuzeitlicher Robin Hood, die Fehler seines Vaters ausbügeln will. Ich kenne die Vorlagen nicht wirklich, sondern nur in einigen Bezügen, aber bisher hat es mich gepackt. Erwartungsgemäß sind viele Dialoge recht cheesy und auch die physikalische Logik bleibt gelegentlich auf der Strecke, dafür weiß der Rest zu überzeugen und hält den Zuschauer bei Laune. Auch wenn ich noch ganz am Anfang, ca. Mitte der ersten Staffel, freue ich mich schon auf alles was da noch so kommt. Und auch viele andere Serien gibt es zu entdecken. Alleine um mir die Wartezeit bis Avengers 2 zu vertreiben, aber das ist wohl nochmal ein anderes Thema.

Zum Schluss möchte ich noch ein kurzes Wort an den Gott der Scheibenwelt, Terry Pratchet, verlieren, dessen Tod mich irgendwie bedrückt hat. Ich danke dir für meine Zeit mit Gevatter Tod, seinen Stundengläsern und den Kätzchen, die er so mag. Danke für so viele Ideen, so viel Zauber und Fantasie. Danke für die Scheibenwelt und ihre Bewohner. Mögest du deinen Frieden finden und einen besonderen Platz erhalten, denn du hast die Welt ein klein wenig besser gemacht.

Todgeweiht 5

Zunächst schauten beide etwas verlegen auf den Teppich unter dem massiven Couchtisch, der ganz danach aussah, als wäre er am Stück aus einem gewaltigen Baumstamm gesägt worden. Seine Oberfläche glänzte, vermutlich weil meine Mutter ihn noch am Morgen poliert hatte, was sie täglich nach dem gemeinsamen Frühstück tat. Sie liebte ihre Rituale und ging völlig darin auf, wenn sie ihnen nachgehen konnte.

Die Bulldogge machte einen trotteligen Eindruck. Alleine dieser Schnauzbart war lächerlich. In einer anderen Situation hätte ich bestimmt hunderte Witze im Kopf gehabt. Sein Gesicht lud förmlich dazu ein, doch jetzt war da gar nichts. Er saß eingefallen auf den Polstern, als würde sein Brustkorb auf dem gewaltigen Wanst ruhen. Kopf und Hals verschmolzen zu einem Hautlappen ohne nähere Bestimmungen zu gestatten. Unter seiner Polizeimütze lugten dünne Strähnen fettiger Haare hervor, einige grau, andere vermutlich braun. Genau war das nicht zu erkennen.

Mein Vater saß daneben wie ein Häufchen Elend, seine Hände ruhten zwischen den Beinen und der Kopf hing desillusioniert herab. Heute morgen bekam er einen Anruf von der Polizei, die ihm alles erzählte. Den Überfall, die Verletzungen, die OP. Einige Zeit saß er im Krankenhaus weil er natürlich Mama sehen wollte, aus erster Hand erfahren wie es ihr geht. Vielleicht auch nur die Hilflosigkeit kaschieren, die ihn quälte. Ich denke nicht, dass es etwas schlimmeres gibt als zu wissen, dass es nichts auf der Welt gibt, dass man tun kann. Er war ein Macher und tatenlos zusehen, das Schicksal seiner großen Liebe in die Hände fremder Menschen zu legen, das alles wühlte ihn auf. Erst jetzt viel mir auf, dass er zitterte. Sein glasiger Blick machte mir Angst.

Der Polizist rutschte seinen gewaltigen Körper in eine etwas aufrechtere Position und schaute mich direkt an. „Hör mal Junge, ich bin leitender Ermittler Michael Lassing und wir werden alles tun, was in unserer Macht steht um deiner Mutter zu helfen. Genauso werden wir alles daran setzen, die Typen zu kriegen, die das waren. Das musst du mir glauben.“ Immer wenn er sprach, schwabbelte seine Hals-Kinn-Falte. Der ganze Typ wirkte wie die Karikatur eines kleineren und weniger dicken Mannes. Seine Worte beruhigten mich kein bisschen, sie machten es schlimmer. All die Wut in mir flammte erneut auf, denn der fette, schmierige Polizist konnte auf keinen Fall das Beste sein, dass die örtliche Polizei zu bieten hatte. Er bot mir keine Zuversicht und in spürte Verachtung aufkommen, weswegen ich lediglich nickte.

„Zur Zeit wissen wir noch nicht viel, außer das deine Mutter von mindestens einem Täter überfallen wurde. Da nichts gestohlen wurde, gehen wir derzeit von einem gezielten Verbrechen aus. Es gab keinerlei Zeugen aber wir gehen jeder Spur nach.“ Mir blieb der Atem weg. Ein Angriff? Wieso? Wer könnte ihren Tod wollen? Meine Mutter war ein guter Mensch, sie hatte keine Feinde, niemanden verärgert also warum wurde sie auf der Straße ohne Grund erstochen?

„Was?,“ fragte ich. „Sie sagen jemand WOLLTE, dass sie verletzt wird?“ Mit der Kraft eines Orkans übermannten mich meine Emotionen. Die Kiste befand sich nicht länger auf dem Dachboden, wo sie Staub ansetzte, sondern in meiner Magengrube, und sie war weit geöffnet. Wut, Trauer, Angst und Hilflosigkeit mischten sich zu einem Gefühlscocktail zusammen, der jeden Moment losbrechen würde, wenn ich doch nur gewusst hätte wie. Mit letzter Kraft versuchte ich mich zu beherrschen, denn niemandem wäre mit einem Zusammenbruch geholfen. „Gibt es irgendwas, dass Sie uns sagen können?“ wollte ich wissen, wobei ich mich um einen freundlichen Ton bemühte.

„Nein, leider haben wir kaum Anhaltspunkte, aber die Spurensicherung sucht gerade den Tatort ab und informiert mich, sobald es etwas Neues gibt.“Etwas an ihm hatte sich verändert. Ich schenkte seinen Worten Glauben. „Hast du vielleicht eine Idee, wer deiner Mutter schaden wollte? Egal wie banal es scheinen mag, jeder Hinweis könnte eine Spur sein. Denk bitte genau nach.“

Das tat ich. In Gedanken ging ich die letzten Jahre durch, alles was sie mir über die Arbeit, die Kollegen, ihre Freundinnen und die langweiligen Shopping-Geschichten je erzählt hatte, prüfte ich auf Relevanz. Vergeblich. Bei genauerem Nachdenken schien sie mir eine Heilige zu sein. „Nein,“ entgegnete ich etwas enttäuscht. „Mir fällt niemand ein, der Ärger mit ihr hatte. Sie kam immer mit allen gut aus.“ Dann grub ich mein Gesicht in die Handflächen und weinte bitterlich. Die Gefühle brachen aus, auf dem einzigen Weg, der ihnen in den Sinn kam.

Mein Vater erhob sich aus seinem katatonischen Zustand: „Hören Sie, Herr Lassing, so wie es aussieht kann der Darryl Ihnen auch nicht weiterhelfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir jetzt etwas Zeit für uns brauchen.“

Todgeweiht 4

Natürlich hatte mein Verstand eine solche Fantasie in meinen Kopf gepflanzt, aber sie jetzt ausgesprochen zu hören machte mir Angst. Ich liebte meine Mutter und wollte mir nicht ausmalen, wie mein Leben ohne sie aussehen würde. Wut mischte sich mit Verzweiflung und traf mich wie ein Schlag, weshalb mir dicke Tränen aus den Augen schossen.

„Nein,“ brüllte ich in den Raum. „Das kann nicht sein. Nein, verdammt.“ Ich hoffte die Worte würden mir Recht geben. Mir wurde heiß und meine Lungen fassten keine Luft mehr – Ich musste dringend aus dem winzigen Büro. Ohne etwas zu sagen stürmte ich durch die Tür und hinterlies drei ratlose Gestalten, die sich nun hilfesuchend Blicke zu warfen.

Ich rannte so schnell mich meine Füße tragen konnten nach draußen, an den einzigen Ort, der mir jetzt richtig schien. Die alte Eiche auf dem Schulhof. Dort angekommen lehnte ich mich mit dem Gesicht daran und gab mich den Tränen hin. Eine nach der anderen tropfte in den Schnee und schmolz winzige Tunnel hinein. „Bitte lass alles gut werden. Bitte, ich flehe dich an.“ murmelte ich halb zu mir, halb zur Eiche, dabei bohrte ich meine Finger tief in die steif gefrorene Rinde. Mehrfach schlug ich mit der geballten Faust dagegen, ehe mir schwarz vor Augen wurde und ich das Bewusstsein verlor.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich das Gesicht meines Vaters über mir. Es wirkte vernebelt und nicht real, ähnlich der Welt, durch das beschlagene Badfenster. Seine Stimme drang dumpf in mein Ohr ohne die Bedeutung der Worte zu verraten. „Was…“, setzte ich an und versuchte die Situation zu verstehen. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Wo war ich und was war passiert? Hatte ich mir das mit meiner Mutter nur eingebildet oder ist es wirklich passiert. Schon wieder füllten sich meine Augen.

Doch als mein Vater sein Gesicht nicht entspannte musste ich erkennen, dass ich wohl ohnmächtig geworden war. „Oh mein Gott, geht es dir gut?“ Die Stimme erkannte ich. Zwar dumpf, wie durch Watte, aber sie schien mir vertraut: Frau Haderloh. Ich war also immer noch in der Schule. Mein Blick klarte sich langsam auf und ich stellte fest, dass ich auf einer dieser unbequemen Sitzkonstruktionen auf den Heizkörpern im Schulflur lag. Wie sie mich wohl hier hin gebracht haben?   Die Augen meines Vaters waren rot und aufgequollen, aber er bemühte sich zu lächeln:“Ruh dich noch ein wenig aus, dann fahren wir nach Hause.“

Wenig später saßen wir im Auto und fuhren den kurzen Weg zu unserem Haus. Er erklärte mir, dass es noch keine Neuigkeiten von meiner Mutter gab und wir nun geduldig sein müssen. Egal was passiert, er wäre für mich da. Verständlicherweise beruhigte mich das überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Solche Sätze sagen die Leute nur in den schlimmsten Fällen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist, weil in guten Zeiten keine Notwendigkeit besteht Rückhalt zu bekunden. Aber ich wollte mir keinen „Worst Case“ ausmalen, denn das würde den Tod meiner Mutter bedeuten. Wer könnte so etwas wollen?

In der Einfahrt wartete bereits ein Streifenwagen der Polizei. War nicht auch ein Polizist mit in der Schule? Fragend blickte ich Paps an. „Bleib bitte im Wagen, ich klär das.“ sagte mein er und stieg aus. Unmöglich zu erkennen, worüber er mit dem Fahrer des anderen Fahrzeugs sprach, aber beide wirkten niedergeschlagen. Nachvollziehbar, wenn man die Umstände bedenkt.

Dann drehte er sich in meine Richtung und gestikulierte mich aus dem Auto. Ohne weiter nachzudenken stieg ich aus und folgte den beiden Männern ins Haus. Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte, fühlte mich innerlich zerkratzt und leer. Als lägen all meine Emotionen in einer Kiste auf dem Dachboden, gefährdet nie wieder das Tageslicht erblicken zu dürfen. Es war grässlich und ich fühlte mich wie ein riesiger Holzklotz.

Die beiden setzten sich im Wohnzimmer nebeneinander auf die Couch, die meine Mutter letztes Jahr nach endlosen Debatten mit meinem Vater endlich bestellt hatte. Sie liebte das cremefarbene Blumenmuster darauf. Wie bei allem legte sie viel Wert auf die Details. Kleine verspielte Muster hier, der eine oder andere Kringel dort und am Besten alles im Einklang zueinander. Mein Vater hingegen war eher der Pragmat, weswegen seine ideale Couch möglichst groß und bequem sein musste. Doch er konnte ihr keinen Wunsch wirklich lange abschlagen und in Folge dessen saßen nun ein Polizist, der einer Bulldogge nicht unähnlich sah und mein er auf der weißen Couch mit dem schicken Blumenmuster.

Der uniformierte Mann kratzte sich auffällig seinen mächtigen Schnauzbart. „Als ob man da noch extra drauf hinweisen muss!“, dachte ich und setzte mich in den farblich abgestimmten Sessel.

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Todgeweiht 3

Der Winter brachte eine bezaubernde Melancholie über alles. Die Eiche war blattlos und dunkel, doch im Kontrast zum verschneiten Boden war sie wunderschön. Die knorrigen Äste wogen im Wind und einzelne Schneeflocken tänzelten unbeirrt umher. Letzte Nacht schneite es dicke Flocken und nun sah alles aus wie mit Marshmallow-Creme überzogen. Während Herr Braun gerade beim Buchstaben G verweilte, driftete ich in Gedanken ab. Das würde noch ewig dauern. Ich konnte meinen Blick nicht von der tanzenden Eiche nehmen. Die Schule wollte sie eigentlich fällen lassen, weil das Wurzelwerk die Turnhalle beschädigen könnte, aber zum Glück war das Betriebsamt dagegen. Diese Welt ist öde und trist genug, da macht es kaum Sinn die letzten Reste grüner Natur zu entfernen.

Plötzlich wurde es still in der Klasse, zu still. Herr Braun hatte aufgehört Namen zu verlesen und alle drehten ihre Köpfe zu mir. „Darryl, kommst du bitte mit mir? Ich muss dringend mit dir sprechen.“ Frau Haderloh, die Direktorin, wirkte etwas aufgelöst. Sie stand mit verschränkten Armen in der offenen Tür und starrte in meine Richtung. Etwas perplex fragte ich: „Was ist denn los? Hab ich was angestellt?“

„Nein, nein, keine Sorge. Nur muss ich dringend mit dir alleine sprechen, also wärst du so freundlich mich zu begleiten?“ Irgendetwas an ihr machte mir Angst.

Brian warf mir noch einen fragenden Blick zu als ich aufstand, den ich mit einem Schulterzucken beantwortete. „Ok, gehen wir.“

Während ich ihr näher kam, konnte ich sehen, dass ihre Augen feucht waren. Ihr unpassendes Make-Up war verschmiert und ihre Mundwinkel waren zu einer dünnen Linie zusammen gepresst. Frau Haderloh war in Ordnung, sie behandelte alle immer fair und lies ihre Launen nicht an den Schülern aus. Sie tat mir etwas leid, weil ihr Erscheinungsbild in diesem Augenblick furchtbar war.

„Was ist denn los?“ fragte ich ratlos.

„Es ist etwas passiert, aber das besprechen wir nicht vor der Klasse.“

Das machte mich nur noch nervöser. Sie öffnete die Tür und wies mich an zu gehen.

Da sie mir nicht direkt sagen wollte worum es ging, folgte ich ihr nachdenklich. Was konnte geschehen sein? Wieso so ein Aufriss? Die meisten Dinge hätte sie auch vor der Klasse mit mir besprechen können oder wenigstens vor dem Klassenraum. Aber sie bestand darauf, dass wir in ihr Büro im Nebengebäude gehen.

Die Unwissenheit machte mich wahnsinnig, so dass die hässlich braunen Flure mit ihrer Linoleumauskleidung unendlich lang wirkten. Allmählich machte sich Unbehagen in Form eines verdrehten Magens in mir breit. Immer wieder spielte ich alle Möglichkeiten durch, die diesen Aufriss rechtfertigten, doch mir wollte einfach nichts einfallen. In diesem Moment hasste ich meinen Verstand dafür, dass ihm zunächst die schlimmsten Szenarien einfielen. Nun machte ich mir auch noch Sorgen.

Als wir nach einer Ewigkeit der Anspannung endlich das Direktorenbüro erreichten, stellte ich überraschend fest, dass mein Vater ebenfalls anwesend war. Mit gesenktem Kopf stand er da und blickte den Boden an. Als er mich sah, drückte er mich fester, denn je und ich spürte, dass er am ganzen Leib zitterte. „Es geht um deine Mutter,“begann er mit wimmernder Stimme. Tränen schossen ihm aus den Augen und verhinderten, dass er den Satz zu Ende sprechen konnte.

Die Direktorin schloss die Tür und lehnte sich an ihren Schreibtisch. Diese ganze Situation machte mir inzwischen mehr als nur Bauchschmerzen. Ich hatte meinen Vater noch nie so gesehen. Bis heute hatte ich angenommen, dass er ein verschlossener und emotionskalter Typ sei, doch hier wirkte er zerbrechlich und aufgelöst.

„Was zum Teufel ist los?“, platzte es aus mir heraus. „Bitte, ich halte das nicht mehr aus. Was ist los?“

Mein Vater legte mir seine Arme auf die Schultern und schaute mir in die Augen. Mir wurde bewusst, dass so etwas in den letzten 15 Jahren noch nie vorkam. Unser Verhältnis war ok, aber sicherlich nicht das Beste. Die anderen Jungs hatten eine engere Bindung zu ihren Vätern, manche sogar zu ihren Stiefvätern. Doch Paps und ich koexistierten eher im Umkreis meiner Mutter. Er und ich hatten kaum gemeinsame Interessen und bislang war es für beide Seiten vollkommen in Ordnung. Doch nun stand er da und starrte mich mit tränenüberlaufenen Augen an.

Die Absurdität der ganzen Situation trieb mir ebenfalls das Wasser in die Augen. „Hör mal, heute morgen ist etwas Schreckliches passiert.“, setzte die Direktorin die Worte meines Vaters fort. „Deine Mutter wurde beim Einkaufen überfallen. Die Täter griffen aus heiterem Himmel mit Messern an und konnten unbemerkt fliehen. Sie wird gerade im Krankenhaus operiert.“

„Wir tun, alles was in unserer Macht steht um die Kerle zu finden, die deiner Mutter das angetan haben.“ Die unbekannte Stimme gehörte zu einem Polizisten, der sich bisher in der Ecke des Raumes befand. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte so viele Fragen, so wenig Antworten und keine Ahnung wie ich mich fühlen sollte.

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