Todgeweiht 2

„Findest du das etwa witzig?“, keifte Herr Braun, als er das sah. Er war der Archetyp des verhassten Lehrers. Ein Mann der alten Schule, der zu jeder Zeit bedauerte, dass die Züchtigung durch den Rohrstock keine gängige Praxis mehr war. Niemand wusste viel über ihn privat, auch wenn seine überzogen strenge und sadistische Art ein gewisses Bild vermittelten. Leute die zu spät kamen, dem Unterricht nicht angemessen folgten, ihre Hausaufgaben nicht machten oder sich auf Fragen nicht meldeten, verachtete er aus tiefster Seele. Streber oder Typen, die beim Melden mit Schnippen oder anderen Geräuschen um Aufmerksamkeit bettelten, konnte er genauso wenig leiden. Lediglich mit einzelnen Schülern stand er nicht auf Kriegsfuß. Wieso er überhaupt Lehrer wurde, fragen sich viele. Auch unter seinen Kollegen, warf diese Frage ein Rätsel auf.

„Nein, natürlich finde ich das nicht zum Lachen und es tut mir Leid, aber mein Versäumnis darf nicht zu Lasten der anderen gehen, weswegen ich Sie bitten würde jetzt mit dem Unterricht zu beginnen.“ sagte ich, etwas stolz ohne die missgünstigen Blicke meiner Mitschüler zu bemerken.

Herr Braun runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen gefährlich zusammen. „Willst du mir etwa diktieren, wann ich meinen Unterricht zu halten habe? Hab gefälligst etwas mehr Respekt, Junge. Erst zu spät kommen und dann auch noch frech werden.“ Seine Stimme erhob sich zunehmend und er stützte sich mit den Armen auf das Pult. „Das wird ein Nachspiel für dich haben. So lasse ich nicht mit mir umgehen, hast du das verstanden?“

Einen Moment fragte ich mich, ob irgendein sexueller Komplex den alten Mann quält, den er statt eines Sportwagens mit gequälten Schülern kompensiert, ließ den Gedanken aber zu Gunsten einer angemessenen Reaktion fliegen. „Ja, habe ich. Bitte entschuldigen Sie. So etwas wird nicht wieder vorkommen.“ Ich bemühte mich dabei ernst und aufrichtig auszusehen, auch wenn dies absolut nicht meinen Gefühlen entsprach. Aber er hat es mir abgekauft und lockerte seine Stirnfalten. Schrecklich wenn ein Tag mit so viel Anspannung beginnt, dachte ich und lehnte mich in meinen Stuhl.

Herr Braun begann seinen Unterricht wie üblich mit dem rituellen Vorbereiten seines Pults. Zunächst legte er seine Armbanduhr auf den Tisch, holte dann die Unterrichtsblätter, eine Brotdose und die orange-weiße Thermokanne, die aussah als hätte er sie schon als Student benutzt, aus seiner runzeligen Ledertasche. Nachdem er alles fein säuberlich zurechtgelegt hatte, schlug er das Klassenbuch auf und begann mit der lächerlichen Anwesenheitskontrolle. Lächerlich deswegen, weil er alle Schüler kannte und er auch die Plätze auf denen sie saßen kannte. Trotzdem bestand er jeden Tag darauf die alphabetische Liste vorzulesen und auf die Reaktionen zu warten. Und da gibt es ernsthaft Leute, die sich fragen, was an unserem Schulsystem falsch läuft.

„Psst!,“ zischte Brian von nebenan. Vorsichtig schaute er sich um und warf mir dann einen kleinen gefalteten Zettel in zu. Was wollte er denn jetzt? Ich konnte heute keinen weiteren Ärger gebrauchen also lies ich ihn mit einer aufgeregten Geste wissen, dass er mich bitte zufrieden lassen sollte. „Alter, es ist wichtig!“ flüsterte er als Antwort. Manchmal konnte er wirklich penetrant sein und bevor ich ihm einen Grund gab so richtig Aufmerksamkeit zu erregen, hob ich vorsichtig den Zettel auf, der nur knapp neben meinem Tisch gelandet ist. Ganz zaghaft schob ich meinen Schuh auf das Papier und holte es mit einer galanten Bewegung in meine Armreichweite. Dezent rutschte ich auf meinem Stuhl umher, bis ich die richtige Position gefunden hatte um den Schnippsel unauffällig aufzuheben. Auf meinem Schoß entfaltete ich ihn und las die Worte: Wer kommt alles zu deiner Party?

Den folgenden Seufzer konnte ich nicht unterdrücken. Brian war oft ein Idiot, aber er war liebenswert und deswegen nahm ich ihm diese blöde Aktion nicht übel. Natürlich hätte er mich das auch in der Pause fragen können, aber als meinen besten Freund interessierte ihn das genauso wie mich. Nur hatte ich noch immer keine Antwort auf diese Frage. Es gab natürlich Optionen, aber keinen Plan. 10 sind einfach viel zu wenig um alle unter einen Hut zu bekommen. Wenn ich dann noch auf die einzelnen Präferenzen wert lege, wird es nur noch komplizierter. Es ist zum verzweifeln. Vielleicht sollte ich mir einfach mit Brian ein paar Bier und einen x-beliebigen Zombie-Slasherfilm reinziehen. Dann wäre niemand sauer, weil er nicht eingeladen wurde. Allerdings wären dann alle sauer, weil sie nicht eingeladen wurden. Verdammt. Ich musste mir dringend etwas überlegen.

Mit dem Zettel in der Hand starrte ich aus dem Fenster. Die große Eiche im Vorhof faszinierte mich und immer wenn ich nachdenklich oder gelangweilt war schaute ich sie an. Sie faszinierte mich, entriss mich aus dem Alltag und spendete mir in hektischen Zeiten einen Augenblick des Innehaltens.

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Todgeweiht 1

Ich möchte mich kurz vorstellen, mein Name ist Darryl Morgen und ich bin tot. Irgendwie zumindest. Aber vielleicht fange ich vorne an.

Wenn ich mich recht erinnere begann das alles nämlich recht harmlos. Wie jedem Dienstag ging ich über den steinigen Feldweg zur Schule. Ich mochte die Ruhe der Natur, denn der Weg führte an grünen Wiesen, dem Dickicht des Kiefernwaldes und den duftenden Brombeersträuchern vorbei. Je nach Jahreszeit entfaltete dieser schmale Pfad seinen individuellen Zauber. Von den herrlichen Gerüchen im Sommer hin zum farbenfrohen Herbst, machte der Winter mit dicken Schneedecken die Welt irgendwie friedlicher, doch am liebsten mochte ich schon immer den Frühling. Alles erwachte allmählich aus dem Winterschlaf und begann den eigenen Lebenszyklus aufs Neue. Manchmal wünschte ich mir, dass ich das auch könnte.

In zwei Woche werde ich 16 und ich hab immer noch keinen Plan wen ich einladen sollte. Ihr müsst wissen, dass so etwas nicht leichtfertig entschieden ist. Alles was ich jetzt mache, entscheidet über meine Zukunft. Meine Mum hat mir nur 10 Gäste erlaubt, weil unsere Wohnung so klein ist. Paps war es mal wieder egal. Zumindest hat er so getan, denn abends konnte ich die beiden durch die dünne Wand zu meinem Zimmer streiten hören. Nur habe ich nicht verstanden was genau er für ein Problem hatte. Dafür stritten sie auch zu oft und meistens wegen mir. Natürlich wegen mir. Ich habe keine Geschwister und somit bin ich der einzige Problemfaktor in einer ansonsten perfekten Welt.

Man sollte meinen ich gehe nicht gerne zur Schule, weil das nur was für die Nerds und Streber ist, aber ehrlich gesagt mag ich es dort. Ich komme gut mit den anderen in meiner Klasse zurecht, auch wenn einige von ihnen echt schräg sind. Damien zum Beispiel sammelt Spinnen und Schlangen. Urhgh, mich schüttelt es schon bei dem Gedanken… Aber er ist ein netter Kerl, was vollkommen ausreicht, schließlich haben wir doch alle unsere seltsamen Angewohnheiten, oder nicht? Mein bester Freund ist Brian. Er ist etwas seltsam, vermutlich weil er so schüchtern ist und kaum auf Partys geht. Seine Zeit verbringt er lieber über Comics oder am PC. Aber wenn man sich an der Schale vorbei gekämpft hat, ist er ein echt cooler Typ, der für seine Freunde alles tun würde. Davon gibt es leider viel zu wenig auf der Welt, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Schulglocke läutete kurz nachdem ich durch die große Eingangstür ging und wies mich dezent darauf hin, dass ich mal wieder zu spät dran war. Also hetzte ich so schnell ich konnte in die Klasse, wo unser Lehrer, Herr Braun, natürlich schon auf mich wartete. Wenn man so will ist zu spät kommen mein Ding. Im Schnitt passiert das 3-4 Mal die Woche und ich hasse es, wenn das passiert. Natürlich nicht so sehr wie mein Lehrer, der im ganzen Kollegium und vor allem bei den Schülern berüchtigt ist für seine altbackenen Methoden. Sein Bart sprenkelte die dicken Falten in seinem Gesicht grau-weiß. Sein Auge begann immer leicht zu zittern, wenn er sich aufregte. Und genau das passierte um 8:02 Uhr an einem ansonsten unspektakulären Dienstag.

„Na schaut mal an, wer da mal wieder zu spät kommt“, brüllte er halb zu mir, halb zur Klasse. „Nen Uhrmacher als Vater aber die Zeit nicht lesen können, was?“ Obwohl zwischen ihm und mir locker 4 Meter lagen, konnte ich seinen muffigen Atem riechen. Dieser säuerliche Gestank brannte sich in meiner Nase fest und würde dort den gesamten Tag verbleiben.

„Bitte entschuldigen Sie,“ begann ich auf der Suche nach einer unverbrauchten Ausrede. „Aber ich wurde aufgehalten von… ähm… ich bin… also, wissen Sie“, stammelte ich  den Satz zu Ende. Mir wollte nichts plausibles einfallen und wieso zur Hölle brachte er immer wieder den Bezug zu meinem Vater. Als ob er mich jeden Tag mit Uhren spielen lässt und mir zum Einschlafen Uhrzeiten vorliest. Idiot!

Irgendwie steckte ich an jenem Morgen zu sehr in Gedanken. Die Sache mit meinem Geburtstag machte mir echt zu schaffen. „Entschuldigen Sie, ich bin zu spät und es tut mir Leid. Wird nicht wieder vorkommen.“ Ohne seine Reaktion abzuwarten ging ich zu meinem Platz, setzte mich hin und wartete ab. Die anderen nahmen das mit müdem Desinteresse wahr. Die ersten Male war es noch spannend für sie, zu sehen wie ich so richtig zusammen geschissen werde, aber jetzt? Das Halbjahr ist schon fast um und damit hatte der Verlauf schon eine gewisse Routine.

Aus dem Augenwinkel sah ich wie Brian nur mit dem Kopf schüttelte und dabei heimlich mit hinter seinem Rucksack versteckten Kopf die gestrigen Hausaufgaben nachholte. Auch das war typisch für ihn, weswegen ich mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen konnte.

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