Todgeweiht 4

Natürlich hatte mein Verstand eine solche Fantasie in meinen Kopf gepflanzt, aber sie jetzt ausgesprochen zu hören machte mir Angst. Ich liebte meine Mutter und wollte mir nicht ausmalen, wie mein Leben ohne sie aussehen würde. Wut mischte sich mit Verzweiflung und traf mich wie ein Schlag, weshalb mir dicke Tränen aus den Augen schossen.

„Nein,“ brüllte ich in den Raum. „Das kann nicht sein. Nein, verdammt.“ Ich hoffte die Worte würden mir Recht geben. Mir wurde heiß und meine Lungen fassten keine Luft mehr – Ich musste dringend aus dem winzigen Büro. Ohne etwas zu sagen stürmte ich durch die Tür und hinterlies drei ratlose Gestalten, die sich nun hilfesuchend Blicke zu warfen.

Ich rannte so schnell mich meine Füße tragen konnten nach draußen, an den einzigen Ort, der mir jetzt richtig schien. Die alte Eiche auf dem Schulhof. Dort angekommen lehnte ich mich mit dem Gesicht daran und gab mich den Tränen hin. Eine nach der anderen tropfte in den Schnee und schmolz winzige Tunnel hinein. „Bitte lass alles gut werden. Bitte, ich flehe dich an.“ murmelte ich halb zu mir, halb zur Eiche, dabei bohrte ich meine Finger tief in die steif gefrorene Rinde. Mehrfach schlug ich mit der geballten Faust dagegen, ehe mir schwarz vor Augen wurde und ich das Bewusstsein verlor.

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich das Gesicht meines Vaters über mir. Es wirkte vernebelt und nicht real, ähnlich der Welt, durch das beschlagene Badfenster. Seine Stimme drang dumpf in mein Ohr ohne die Bedeutung der Worte zu verraten. „Was…“, setzte ich an und versuchte die Situation zu verstehen. Viele Fragen gingen mir durch den Kopf: Wo war ich und was war passiert? Hatte ich mir das mit meiner Mutter nur eingebildet oder ist es wirklich passiert. Schon wieder füllten sich meine Augen.

Doch als mein Vater sein Gesicht nicht entspannte musste ich erkennen, dass ich wohl ohnmächtig geworden war. „Oh mein Gott, geht es dir gut?“ Die Stimme erkannte ich. Zwar dumpf, wie durch Watte, aber sie schien mir vertraut: Frau Haderloh. Ich war also immer noch in der Schule. Mein Blick klarte sich langsam auf und ich stellte fest, dass ich auf einer dieser unbequemen Sitzkonstruktionen auf den Heizkörpern im Schulflur lag. Wie sie mich wohl hier hin gebracht haben?   Die Augen meines Vaters waren rot und aufgequollen, aber er bemühte sich zu lächeln:“Ruh dich noch ein wenig aus, dann fahren wir nach Hause.“

Wenig später saßen wir im Auto und fuhren den kurzen Weg zu unserem Haus. Er erklärte mir, dass es noch keine Neuigkeiten von meiner Mutter gab und wir nun geduldig sein müssen. Egal was passiert, er wäre für mich da. Verständlicherweise beruhigte mich das überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Solche Sätze sagen die Leute nur in den schlimmsten Fällen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist, weil in guten Zeiten keine Notwendigkeit besteht Rückhalt zu bekunden. Aber ich wollte mir keinen „Worst Case“ ausmalen, denn das würde den Tod meiner Mutter bedeuten. Wer könnte so etwas wollen?

In der Einfahrt wartete bereits ein Streifenwagen der Polizei. War nicht auch ein Polizist mit in der Schule? Fragend blickte ich Paps an. „Bleib bitte im Wagen, ich klär das.“ sagte mein er und stieg aus. Unmöglich zu erkennen, worüber er mit dem Fahrer des anderen Fahrzeugs sprach, aber beide wirkten niedergeschlagen. Nachvollziehbar, wenn man die Umstände bedenkt.

Dann drehte er sich in meine Richtung und gestikulierte mich aus dem Auto. Ohne weiter nachzudenken stieg ich aus und folgte den beiden Männern ins Haus. Ich wusste nicht mehr was ich denken sollte, fühlte mich innerlich zerkratzt und leer. Als lägen all meine Emotionen in einer Kiste auf dem Dachboden, gefährdet nie wieder das Tageslicht erblicken zu dürfen. Es war grässlich und ich fühlte mich wie ein riesiger Holzklotz.

Die beiden setzten sich im Wohnzimmer nebeneinander auf die Couch, die meine Mutter letztes Jahr nach endlosen Debatten mit meinem Vater endlich bestellt hatte. Sie liebte das cremefarbene Blumenmuster darauf. Wie bei allem legte sie viel Wert auf die Details. Kleine verspielte Muster hier, der eine oder andere Kringel dort und am Besten alles im Einklang zueinander. Mein Vater hingegen war eher der Pragmat, weswegen seine ideale Couch möglichst groß und bequem sein musste. Doch er konnte ihr keinen Wunsch wirklich lange abschlagen und in Folge dessen saßen nun ein Polizist, der einer Bulldogge nicht unähnlich sah und mein er auf der weißen Couch mit dem schicken Blumenmuster.

Der uniformierte Mann kratzte sich auffällig seinen mächtigen Schnauzbart. „Als ob man da noch extra drauf hinweisen muss!“, dachte ich und setzte mich in den farblich abgestimmten Sessel.

weiter zu Teil 5

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