Todgeweiht 5

Zunächst schauten beide etwas verlegen auf den Teppich unter dem massiven Couchtisch, der ganz danach aussah, als wäre er am Stück aus einem gewaltigen Baumstamm gesägt worden. Seine Oberfläche glänzte, vermutlich weil meine Mutter ihn noch am Morgen poliert hatte, was sie täglich nach dem gemeinsamen Frühstück tat. Sie liebte ihre Rituale und ging völlig darin auf, wenn sie ihnen nachgehen konnte.

Die Bulldogge machte einen trotteligen Eindruck. Alleine dieser Schnauzbart war lächerlich. In einer anderen Situation hätte ich bestimmt hunderte Witze im Kopf gehabt. Sein Gesicht lud förmlich dazu ein, doch jetzt war da gar nichts. Er saß eingefallen auf den Polstern, als würde sein Brustkorb auf dem gewaltigen Wanst ruhen. Kopf und Hals verschmolzen zu einem Hautlappen ohne nähere Bestimmungen zu gestatten. Unter seiner Polizeimütze lugten dünne Strähnen fettiger Haare hervor, einige grau, andere vermutlich braun. Genau war das nicht zu erkennen.

Mein Vater saß daneben wie ein Häufchen Elend, seine Hände ruhten zwischen den Beinen und der Kopf hing desillusioniert herab. Heute morgen bekam er einen Anruf von der Polizei, die ihm alles erzählte. Den Überfall, die Verletzungen, die OP. Einige Zeit saß er im Krankenhaus weil er natürlich Mama sehen wollte, aus erster Hand erfahren wie es ihr geht. Vielleicht auch nur die Hilflosigkeit kaschieren, die ihn quälte. Ich denke nicht, dass es etwas schlimmeres gibt als zu wissen, dass es nichts auf der Welt gibt, dass man tun kann. Er war ein Macher und tatenlos zusehen, das Schicksal seiner großen Liebe in die Hände fremder Menschen zu legen, das alles wühlte ihn auf. Erst jetzt viel mir auf, dass er zitterte. Sein glasiger Blick machte mir Angst.

Der Polizist rutschte seinen gewaltigen Körper in eine etwas aufrechtere Position und schaute mich direkt an. „Hör mal Junge, ich bin leitender Ermittler Michael Lassing und wir werden alles tun, was in unserer Macht steht um deiner Mutter zu helfen. Genauso werden wir alles daran setzen, die Typen zu kriegen, die das waren. Das musst du mir glauben.“ Immer wenn er sprach, schwabbelte seine Hals-Kinn-Falte. Der ganze Typ wirkte wie die Karikatur eines kleineren und weniger dicken Mannes. Seine Worte beruhigten mich kein bisschen, sie machten es schlimmer. All die Wut in mir flammte erneut auf, denn der fette, schmierige Polizist konnte auf keinen Fall das Beste sein, dass die örtliche Polizei zu bieten hatte. Er bot mir keine Zuversicht und in spürte Verachtung aufkommen, weswegen ich lediglich nickte.

„Zur Zeit wissen wir noch nicht viel, außer das deine Mutter von mindestens einem Täter überfallen wurde. Da nichts gestohlen wurde, gehen wir derzeit von einem gezielten Verbrechen aus. Es gab keinerlei Zeugen aber wir gehen jeder Spur nach.“ Mir blieb der Atem weg. Ein Angriff? Wieso? Wer könnte ihren Tod wollen? Meine Mutter war ein guter Mensch, sie hatte keine Feinde, niemanden verärgert also warum wurde sie auf der Straße ohne Grund erstochen?

„Was?,“ fragte ich. „Sie sagen jemand WOLLTE, dass sie verletzt wird?“ Mit der Kraft eines Orkans übermannten mich meine Emotionen. Die Kiste befand sich nicht länger auf dem Dachboden, wo sie Staub ansetzte, sondern in meiner Magengrube, und sie war weit geöffnet. Wut, Trauer, Angst und Hilflosigkeit mischten sich zu einem Gefühlscocktail zusammen, der jeden Moment losbrechen würde, wenn ich doch nur gewusst hätte wie. Mit letzter Kraft versuchte ich mich zu beherrschen, denn niemandem wäre mit einem Zusammenbruch geholfen. „Gibt es irgendwas, dass Sie uns sagen können?“ wollte ich wissen, wobei ich mich um einen freundlichen Ton bemühte.

„Nein, leider haben wir kaum Anhaltspunkte, aber die Spurensicherung sucht gerade den Tatort ab und informiert mich, sobald es etwas Neues gibt.“Etwas an ihm hatte sich verändert. Ich schenkte seinen Worten Glauben. „Hast du vielleicht eine Idee, wer deiner Mutter schaden wollte? Egal wie banal es scheinen mag, jeder Hinweis könnte eine Spur sein. Denk bitte genau nach.“

Das tat ich. In Gedanken ging ich die letzten Jahre durch, alles was sie mir über die Arbeit, die Kollegen, ihre Freundinnen und die langweiligen Shopping-Geschichten je erzählt hatte, prüfte ich auf Relevanz. Vergeblich. Bei genauerem Nachdenken schien sie mir eine Heilige zu sein. „Nein,“ entgegnete ich etwas enttäuscht. „Mir fällt niemand ein, der Ärger mit ihr hatte. Sie kam immer mit allen gut aus.“ Dann grub ich mein Gesicht in die Handflächen und weinte bitterlich. Die Gefühle brachen aus, auf dem einzigen Weg, der ihnen in den Sinn kam.

Mein Vater erhob sich aus seinem katatonischen Zustand: „Hören Sie, Herr Lassing, so wie es aussieht kann der Darryl Ihnen auch nicht weiterhelfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir jetzt etwas Zeit für uns brauchen.“

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