Was sein ohne zu werden?

Vor einiger Zeit hatte ich mal versucht einen Text zu verfassen, in dem ich mich mit der Frage bzw. der Definition von Beruf und Berufung beschäftige. Leider nur mit mäßigem Erfolg, denn im Verlauf der Worte schweife ich zunehmend mehr ab und verrenne mich, wie gewöhnlich, in Selbstmitleid und Schlimmerem. Aus gegebenem Anlass möchte ich das Thema heute noch einmal aufgreifen. Dazu gebracht hat mich ein Artikel, der sich mit der Frage auseinandersetzt, ob Schulbildung und das klassische Karrierebild noch zeitgemäß sind.

In den letzten Monaten, hatte ich bedauerlicherweise zu viel Zeit um mich zu hinterfragen. Meine Motive und Entscheidungen, meine Motivationen und die Werte, von denen ich glaube sie zu vertreten. Alles wurde akribisch geprüft, abgewogen und neu sortiert. Dabei fing ich zunächst an die Vergangenheit zu analysieren. Wie bin ich zu dem Punkt gekommen, an dem ich heute war? Wo bin ich falsch abgebogen? Was wollte ich und wieso bin ich es nicht? Während meiner Schulzeit hatte ich absolut keine Ahnung was ich mal machen will. Eigentlich noch viel schlimmer, denn ich wusste nicht einmal worin ich wirklich gut war, was ich kann und mag, oder wo ich sein möchte. Es mangelte mir an Vorbildern, da war niemand, dessen berufliche Ausstrahlung mich wirklich motiviert hätte. Meine Mum hangelte sich von Job zu Job und landete letztendlich bei der Versicherung. Sie war für mich kein Vorbild, zumindest nicht im Positiven Sinne. Letztlich habe ich durch ihre Berufswahl nur zwei Dinge gelernt:

1. Ich möchte etwas machen, dass mich erfüllt. Etwas worin ich mein Potential ausschöpfen und mich verwirklichen kann, ganz egal in welcher Hinsicht.

2. Ich wollte etwas tun, was Menschen hilft, sie bewegt oder berührt. Vielleicht auch nur die Grausamkeit der Realität vergessen lässt, ganz egal. Hauptsache nicht in der unsichtbaren Masse der Arbeitswelt untergehen.

Schon früh wurde mir klar, dass Geld keine Rolle spielt. Da mir kein besonderer Lebensstil vor gelebt wurde, hatte ich keinen Standard zu halten oder zu erreichen. Alles was ich hatte waren Werte und im weitesten Sinne Überzeugungen. Meine einzige männliche Bezugsperson, die ich respektierte, war der beste Freund meiner Mutter. Ein Psychologe mit großartigen Ansichten. Wenn ich heute so darüber nachdenke, verdanke ich die meisten Dinge, die mich ausmachen ihm. So in der zehnten Klasse stand ich kurz vor meinem Abschluss in Wirtschaft. Nicht weil mich Wirtschaft sonderlich interessierte, sondern weil es das war, was alle Typen machten. Damit kann man gut BWL oder so studieren und dann könnte ich ja immer noch sehen, wohin die Reise geht.

Doch wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, dann wusste ich schon damals, dass Wirtschaft nicht meine Welt ist. Ich hatte nicht den Ehrgeiz oder den Willen in einer Ellbogenwelt Teil einer menschenverachtenden Maschinerie zu werden. Meinen Beitrag am Leid anderer zu haben und mich daran zu bereichern, schlimmer noch, mich daran aufzugeilen. Keine Vorbilder, kein erzwungenes Nacheifern. Einzig die Psychologie reizte mich. Zu verstehen, wie Menschen ticken, wieso sie tun, was sie tun. Was sie zu dem macht, was sie sind. Vermutlich ein tief verankerter Wunsch nach Kontrolle, denn wenn ich verstehen würde, was um mich herum passiert, könnte ich meine Verunsicherung kompensieren. In manchen Teilen wünsche ich mir das noch heute.

Als wir dann aber nach Hamburg zogen, verworfen sich meine Pläne und ich musste umdenken. Durch bürokratischen Mist landete ich für zwei Jahre im Abschlussjahrgang für Metalltechnik. Nach dem Abschluss wollte ich Abi machen, meinen ursprünglichen Plan mit der Psychologie wieder aufnehmen. Witzigerweise hatte ich nie weiter gedacht. Weder daran was ich mit dem Studium anfangen wollte, noch wie ich dazu kommen würde. Immerhin liegt der NC bei eins Komma…

Zum Abi ist es nicht gekommen. Nichtmal ansatzweise. Ich machte eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, einem Beruf, den niemand, bei mir vermuten würde. Bis heute glaube ich es mir selbst nicht. Ich machte das nicht weil ich es wollte, vielmehr war es eine Notlösung, der letzte Ausweg, wenn man so will. Zu dieser Zeit wohnte ich gezwungenermaßen allein, sorgte selbst für meinen Lebensunterhalt und ging zur Schule. Schlechter Nährboden für einen guten Abschluss oder einen disziplinierten Werdegang. Alles zusammen wurde mir zuviel. Ich war fertig. Nachts arbeiten und tagsüber Dinge lernen, die mich nicht interessierten, schaffte ich nicht. Also bekam ich den Tipp, dass ich eine Ausbildung machen könnte, was ich tat.

Und damit wurde ich genau zu dem Teilchen, dass ich nicht sein wollte. Nach der Lehre machte ich meinen Zivildienst und hangelte mich von Job zu Job zu Selbstständigkeit über die Arbeitslosigkeit zurück in den Job. Aber diesmal ist mir bewusst, dass es mich nicht erfüllt, meine Werte nicht vertritt oder mich mit all meinen Fähigkeiten nimmt. Nein, ich bin nur ein winziges Teilchen in einer großen Maschinerie.

Hier wären wir nun. Die Unzufriedenheit breitet sich bereits in mir aus, nur das ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Ich weiß nicht was ich kann, worin ich wirklich gut bin oder wo ich hingehöre. Stattdessen sehe ich nur mit neidischen Blicke all die euphorischen und leidenschaftlichen Macher um mich herum. Wie sie lieben was sie tun, darin aufgehen und ihrer Erfüllung nachgehen. Und ich bin, was ich immer war. Ein stiller Beobachter am Wegesrand.

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